Kapitel 4 - Sonntag, 21. September, 18 Uhr

Der Hegermarkt ging dem Ende zu. Nur Henriette Hanfkötter stand hinter dem Tresen mit Infomaterial von Hagen Hanfkötter. Erwin Ehlers, Henriettes Freund, hatte sich schnell verdrückt, als Hagen nicht wiederkam. Auch wenn er versprochen hatte, den Stand zu bewachen: Dieses Pestizidzeug konnte er wirklich nicht verteidigen. 

Es wurde Zeit, mit dem Abbau zu beginnen. Doch Hagen war nirgends zu sehen. Hanna Hanfkötter, die für den Hegering Bratwurst verkauft hatte, machte sich auf den Weg über das Gelände, um ihren Bruder zu suchen.

Der war doch sicher an einem Getränkestand versackt. Doch ihr Bruder war nirgends zu finden.

Mittlerweile suchte die ganze Familie auf dem Hof nach Hagen - Herbert leicht schwankend, Hanna schweigend und missmutig, Henriette peinlich berührt, wie immer, wenn sie mit der Realität der gesamten Familie Hanfkötter konfrontiert wurde. Und dann, auf einmal, ertönte ein Ruf.

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Der Organisator des Hegermarktes hatte schnell Verpackungsmaterial für den Abbau aus einem Lagerraum des Gasthofes in einem Seitenpfad holen wollen. „Hier ist etwas. Da liegt jemand.“

Ein kurzer Moment Pause, dann: „Oh Mann, das ist der lange Hagen, er blutet wie ein Schwein!“

Schnell bewegte sich eine Menschenmenge in Richtung des Absperrgitters, hinter dem der Jäger verschwunden war.

„Wir müssen die Polizei rufen. Hier ist etwas passiert.“, rief er und wählte schon den Notruf auf seinem Handy. 

Hanna kam angerannt, gefolgt von Herbert. Als die Nachricht des blutüberströmten Hagen auf den Steinen des Seitenweges sich auch bis in die hinteren Winkel des Hofes herumgesprochen hatte, erreichte die Nachricht Resi. 

Und mit ihr betrat auch der unvermeidliche Werner Wieczokeit mit seinem Kameramann die Szene.

So zeigte der Sender, auf dem Hagen gerade noch als liebestoller Bauer verkauft wurde, wie dessen Schwester sich über ihn beugt, blutverschmiert wieder aufrichtete und rief:

„Der ist tatsächlich.... tot!“

Die nächste Szene zeigte, wie der angetrunkene Herbert Hanfkötter sich, immer noch schwankend, zu seinem Cousin herabbeugte und bei dem Versuch, sich aufzustützen fast über Hagen fiel.

Eine erschreckte Stille legte sich wie eine Welle über den Hof, der gerade noch Schauplatz eines fröhlichen Festes gewesen war, als sich herumsprach, dass der lange Hagen blutend und wahrscheinlich tot auf dem Weg lag.

Einige Gäste versuchten nun doch näher an den Ort des Geschehens zu kommen, andere zogen sich erschreckt zurück. Nach einem Moment des geschockten Schweigens schwollen die Gespräche der Gäste wieder an, doch nicht heiter wie zuvor, sondern wie ein tiefes Murmeln voller Vermutungen und Erklärungsversuche.

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Hauptkommisar Sönke Sievers war an diesem Sonntagnachmittag nicht der erste Vertreter der Polizei, der am Tatort erschien. Im ersten Wagen, der am Hof vorfuhr, saß eine junge Frau, die zum Erstaunen der Schaulustigen über das ganze Gesicht strahlte.  Emsig hielt sie ihren Polizeiausweis in die Höhe und rief: „Neumann, Kriminalpolizei, lassen Sie mich durch.“ 

Nadine Neumann war aufgeregt. Nun war es also soweit. Der 1. eigene Fall. Und dann gleich noch ein Tötungsdelikt! Erst diese Woche war sie, frisch von der Polizeihochschule kommend, Hauptkommissar Sievers zugeteilt worden. Nadine Neumann freute sich unbändig darauf, ihr reiches theoretisches Wissen endlich in die Praxis umsetzen zu können.

Und heute war der Tag, damit zu beginnen. Als Hauptkommissar Sönke Sievers einige Zeit später auf den Platz kam, bereits flankiert von der Rechtsmedizinerin und der Spurensicherung, hatte Nadine Neumann bereits die Kerndaten für ihn gesammelt.

„Chef, der Tote heisst Hagen Hanfkötter, komischer Name eigentlich. Und er war noch bis vier hier auf dem Platz. Also mindestens bis vier. Dann ist er zum Klo gegangen und nicht wiedergekommen.“

Während Polizeiobermeister Klaus Kämpfer den Fundort der Leiche abriegelte und sich anschickte, die Schaulustigen zurückzuhalten, erfuhr Sönke Sievers ausserdem, dass „der Hagen nicht besonders beliebt aber stinkreich“ gewesen sei. 

Dann erblickte der Hauptkommissar jemanden, auf dessen Anwesenheit er gern verzichtet hätte. Zum Entsetzen des Beamten kam, mit gezücktem Mikrofon und einem Kameramann im Schlepptau, Werner Wieczokeit auf ihn zugelaufen. Dieser Reporter hatte Sönke Sievers bereits im vergangenen Jahr im Mordfall Baumgarte das Leben schwer gemacht. 

„Was machen Sie denn hier, Herr Wieczokeit?“, donnerte Sievers dem Reporter unfreundlich entgegen.

„Wir drehen die Abschluss-Szenen für Landwirt sucht Liebling. Aber sowas hatten wir noch nie. Erst schmeisst der Kandidat seine Kandidatin raus. Und dann ist er tot. Wahnsinn. Das gibt Quote.“

„Landwirt sucht... was?“, Sönke Sievers hatte diese Sendung noch nie gesehen und musste sich nun erklären lassen, dass sein Mordopfer gerade im Fernsehen auf Brautschau gegangen war. Die verschmähte Ehekandidatin folgte dem Reporter auf dem Fuß. „Ein Haderlump“ sei er zwar gewesen, doch das - nein, das habe er dann doch nicht verdient, verkündete die resolute Dame mit stark süddeutschem Einschlag.

Werner Wieczokeit registrierte das und ließ seinen Kameramann sofort draufhalten.

„Wein ruhig, Resi, lass es raus... Du hast ihn doch sehr gemocht oder? Komm, Resi, scheu Dich nicht, sowas will das Publikum sehen.“

Der Ehekandidatin, Resi Rosenbauer, wie der Kommissar erfuhr, gefiel das gar nicht: „Sie machen jetzt sofort die Kamera aus“, herrschte sie den Kameramann an. „Und Sie, Herr Wieczokeit, lassen uns einfach mal in Ruhe. Männer, einer wie der andere!“, schimpfte sie, während sie empört den Rückweg in Richtung des Hotels antrat.

Viele Blicke folgten der Fränkin und die Frage, ob „die Resi“ nicht vielleicht selbst zum Gewehr gegriffen hatte, keimte unter den Schaulustigen auf. Es sah nicht so aus, als wären die Gäste bereit, den Ort zu verlassen, an dem noch bis vor einer halben Stunde ein fröhliches Fest stattgefunden hatte.  

Der Hauptkommissar blickte über die Menschenmenge. Ob sich der Täter noch darunter verbarg? 

Werner Wieczokeit, der sich selbst gern „Moderator mit Herz“ nannte, schickte sich an, dem Hauptkommissar auf die Sprünge zu helfen.

„Hier haben wir die Hinterbliebenen, Herr Kommissar. Frau Hanfkötter, die Schwester, Herr Hanfkötter, der Cousin, nochmal Frau Hanfkötter, also die Kleine, die Tochter und Herr Ehlers, der Freund der Nichte.“

Sönke Sievers kondolierte dem Quartett und beobachtete genau die Reaktionen der Angehörigen, die wortkarg und tränenlos dastanden.

Er begann die Frau in der altmodischen Kittelschürze, den leicht angetrunkenen Mann, der immer wieder den Kopf schüttelte, das verstörte Mädchen und den Bengel mit den eigenartigen Ringen im Gesicht zu befragen.

„Es tut mir leid, Sie in dieser Situation belästigen zu müssen, aber schildern Sie mir doch bitte, wann Sie Ihren Verwandten zum letzten Mal auf dem Platz gesehen haben und was Ihnen sonst noch aufgefallen ist“.

Hauptkommissar Sievers erfuhr, dass Hanna Hanfkötter sich die meiste Zeit hinter dem Bratwurststand des Hegerings aufgehalten hatte. Herbert Hanfkötter war derzeit Strohwitwer und hatte ein paar Bierchen zu viel genommen. Erwin Ehlers sollte eigentlich den landwirtschaftlichen Informationsstand von Hagen Hanfkötter bewachen, während dieser nur mal kurz zur Toilette wollte. Er war nicht wiedergekommen und Erwin hatte sich dann „verpisst, weil ich echt keinen Bock auf die blöden Fragen der Leute“ hatte.

Nur Henriette Hanfkötter hatte sich anscheinend die ganze Zeit über am Infostand des Mordopfers aufgehalten.

Alle hatten Hagen zum Ende des Festes hin gesucht und vermutet, dass er einfach nach Haus gegangen war, um ein Nickerchen im Stroh zu machen. Geärgert hatten sie sich, den „Pro Pestizid-Stand“ für Hagen abbauen zu müssen, der die Arbeit gern anderen überließ.

Kommissaranwärterin Nadine Neumann kam nach einiger Zeit zu ihrem Chef zurück, nachdem sie auf dem Festplatz von Gast zu Gast gegangen war und gefragt hatte, ob jemand auffällige Beobachtungen machen konnte. Doch die Szenerie hatte sich unübersichtlich gestaltet. Ein Fest mit tausend Gästen - ein stetes Kommen und Gehen.

Einige Gäste hatten Hagen Hanfkötter zwar im Gasthof verschwinden sehen - doch warum hätte man darauf achten sollen, ob ihm jemand folgte? 

Nadine Neumann war trotzdem bester Dinge und hielt Sönke Sievers lächelnd ihr Tablet vor die Nase:

„Frau Neumann, Sie sind ja richtig aufgeregt. Ja, der 1. Fall ist immer was Besonderes.“

„Ja, Chef und wir haben den Fall ja schon fast gelöst!“

Sievers schaute zweifelnd: „Haben wir?“

„Klar, also das haben wir so gelernt auf der Uni. Die 7 goldenen W der Kriminalistik!

Wer, was, wann, wo, wie, womit, warum.“ 

„Ich weiss, Frau Neumann - und Sie meinen, wir haben diese goldenen Fragen schon gelöst?“

„Fast alle, Chef! Passen Sie auf: Was? Klar, n Mord, oder Totschlag, jedenfalls ist einer tot.

Wann: Ebent, grade jetzt. Wo: Hier im Gebüsch. Wie: ist erschossen worden. Womit: Mit nem Jagdgewehr. Das sind fünf, fünf von sieben!

Sönke Sievers konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Und was fehlt uns also noch?“

„Fehlt bloß noch wer und warum“, erläuterte sie strahlend.

„Ja, Frau Neumann und ich hab das Gefühl, genau das wird uns noch einige Zeit beschäftigen“, sagte der Kommissar, bevor er an den Tatort zurückging, um sich über den aktuellen Stand der Spurensicherung zu informieren.

Als Sönke Sievers und Nadine Neumann viel später den Ort des Geschehens verließen, hatte auch die junge Polizisten realisiert, dass der Fall sich schwieriger gestalten könnte, als sie geahnt hatte.