PROLOG, Sonntag, 21. September, 17.15 Uhr:

Konnte es so einfach sein, einen Menschen umzubringen? Hagen rührte sich nicht mehr.

Es war wirklich eine Menge Blut, die ihm aus dem Oberkörper quoll. Jetzt stöhnte er und bewegte den Arm.

Und nun? Alles blieb ruhig, dabei musste doch jemand den Schuss gehört haben. Oder hatten die Jagdhornbläser beim Hegermarkt wirklich so laut gespielt?

Ich sollte weglaufen. Ein schneller Blick auf das Gewehr, das noch immer fest in der Hand des herunterhängenden Arms lag. Und wohin damit? Und wohin laufen? Würde es denn nicht besonders auffällig wirken, wenn jemand zufällig an der Straße stand und sah, dass jemand weglief?

Also die Ruhe behalten. Schnell in eine Ecke zurückziehen und das Gewehr abwischen. Immer gut, wenn man genügend Taschentücher dabei hat.

Hagen stöhnte leise. Nun öffnete er sogar die Augen. „Das wirst ....Du ....bereuen“, stieß er mit langen Pausen zwischen den Worten aus. Dann lief ihm auch Blut aus dem Mund. Und der Kopf kippte zur Seite.

Mitten in’s Herz. Bei Wild immer tödlich. Bei Menschen sicher auch. Das konnte er nicht überleben. Schon gar nicht, wenn er da jetzt liegenblieb. Mitten auf dem Weg. Während die Leute drüben auf dem Hof weiterfeierten und nichts wussten.

Es war schlau gewesen, den Moment abzupassen, in dem Hagen seinen Stand verließ, um in das Gelände zu pinkeln. Auch eine dieser Angewohnheiten, über die man nur den Kopf schütteln konnte. Hagen machte das immer so. Es war ein offenes Geheimnis, wo Hagen Hanfkötter seine persönliche Toilette hatte, wenn  er den Gasthof besuchte. Doch es war nicht mehr so weit gekommen.

Das Gewehr, sauber abgewischt und mit dem Zipfel eines Taschentuches am Lauf gehalten, landete hinter einem großen Strauch.

Nun nur noch einmal um das Gebäude herumgehen und wieder in der Menge verschwinden. Als wär nichts gewesen. Und nicht darüber nachdenken. Nur nicht darüber nachdenken. Lächeln, immer lächeln. Sogar das gelang, denn eine große innere Befriedigung machte sich breit im Gemüt jener Person, die wenige Minute zuvor Hagen Hanfkötter das Gewehr auf die Brust gesetzt und beherzt abgedrückt hatte.

Und dieser zufriedene Gesichtsausdruck passte wunderbar zu dem der anderen Gäste des Hegermarktes, die den schönen Tag genossen. 


Hagens Marktstand blieb, nur bewacht von seiner verärgerten Nichte Henriette, zurück. Hagen war verschwunden. Und es sollte noch einige Zeit dauern, bis dies überhaupt jemandem auffiel. Zu lange für Hagen Hanfkötter, dessen Blut aus einer pulsierenden Wunde aus dem Körper drang.