Kapitel 10:

 Als Nadine Neumann ihrem Chef den Text zeigte, den ein Übersetzungstool mit Schrifterkennung ihr für "das alte Ding" an Hanfkötters Stubenwand ausgeworfen hatte, schloss sich der Kreis.
„Bringt uns zwar nix, aber da sehen Sie mal Chef, warum es gut ist, technisch fit zu sein“, sagte sie.

Sönke Sievers konnte nur staunen. Die junge Kollegin hatte den Fall gelöst - und wusste es nicht einmal. 
"Hiermit lege ich, Hademar Hagen Hanfkoetter, fest, dass mein Hof mit all seinen Land bis in das dritte Glied nur an meine männlichen Nachfahren vererbt werden kann.

„Sollte mein Erbe oder dessen Erbe keinen Sohn hinterlassen, sodass das Geschlecht des Hofbesitzers im Mannesstamm erlischt, so geht der Hof nicht an dessen Tochter sondern an meinen ältesten männlichen Nachfahren.
Engelbostel, 30. Juni 1941.“

Sönke Sievers hatte gleich zu Beginn der Ermittlungen gemutmaßt: Durch diese Familienverhältnisse in der Landwirtschaft steigt man ja kaum durch. Kein Wunder, dass die junge Nadine nicht gemerkt hatte, welchen Zündstoff sie ihm da gerade unter die Nase schob.

„Frau Neumann - Sie haben's!“
Nadine staunte: „Sie wollen mich veräppeln, Chef? Ich hab's? Was denn?“

„Den Fall gelöst.“ Mit offenem Mund und immer breiterem Grinsen schaute die junge Polizistin ihren Chef an.

„Jetzt muss ich nur noch kapieren, wie ich den Fall gelöst habe.“
Sönke Sievers forderte die Kollegin auf, die Website der Hamilie Hanfkötter aufzurufen. 
„Hademar Hagen war der Großvater von unserem heutigen Hagen und von Herbert", erläuterte er. 
Vermutlich wollte er solchen Erbauseinandersetzungen entgehen, wie er sie selbst nach dem 1. Weltkrieg erlebt hat und darum schrieb er das Testament, indem er Frauen bis in's 3. Glied als Nacherbinnen nur genehmigte, wenn kein männlicher Nachfahre mehr am Leben sein sollte.“

Nadine überlegte einen Moment: „Und jetzt gab es noch zwei Nachfahren, also Hagen und Herbert?“
Sievers nickte bestätigend.
„Und wir haben uns doch gefragt, was der Herbert unter’m Arm über'n Marktplatz getragen hat, ne Chef? Das, was sie neulich beobachtet haben?“

„Er wollte wohl das alte Schriftstück kopieren lassen. Um es bei einem Notar vorzulegen und seinen Erbanspruch anzumelden.“

„Chef, es war also Herbert? Und wer hat das am ersten Tag gesagt, wer?“
Nadine frohlockte. 

„Naja, Frau Neumann, Dienstag meinten Sie dann, es wär Herr Wieczokeit gewesen, Mittwoch hatten Sie Resi in Verdacht und Donnersatg Erwin Ehlers. Noch gestern dachten Sie, es wär Hanna gewesen.“

Nadine schmollte. „Aber doch nur, weil Sie meinten, Herbert hätte keinen Grund. Dabei hatte er sogar mehrere Gründe.“

Tatsächlich war es sehr verwunderlich gewesen, dass Herbert die Geldkassette des Sparclubs angeblich nicht gefunden hatte, die doch offen - und aufgebrochen - auf dem Schrank in Hanfkötters Wohnzimmer stand. Hanna und er hatten gemeinsam diese Legende erfunden. Doch Hanna hätte es nicht nötig gehabt, die Kassette aufzubrechen. Und diese Geschichte mit dem Patent für ein Güllefass, bei der Hagen in Wichtigtuerei Herberts Errungenschaft an dessen Konkurrenten in der Güllefassentwicklung ausgeplaudert hatte.

Herbert benutzte laufend die Taschentücher der bekannten Marke, das hatte Sönke Sievers bei der Beerdigung beobachten können. Ein weiteres Indiz, denn niemand von den anderen Verdächtigen hatte diese Taschentücher bei sich.

Das Leben auf Hanfkötters Hof, das so harmonisch wirkte, war voller Verletzungen gewesen, besonders für Herbert. Aber erst das alte Dokument, das ihn als Hoferben ausrufen sollte, lieferte einen Tatgrund, der nicht mehr von der Hand zu weisen war.

„Und erbt er denn jetzt trotzdem, auch wenn er Hagen umgebracht hat?“ Nadine Neumann grübelte.

„Ich habe großen Zweifel, dass so eine Nachfolgeregelung über die Generationen juristisch anerkannt wird.“ Sönke Sievers schüttelte den Kopf. „Und außerdem würde ein anderer erben. Der Sohn von Hagen Hanfkötter.“

Sönke Sievers hatte an diesem Morgen ein Telefonat mit einem alten Freund von Hagen geführt, dem Techniker der Besamungsanstalt. Der Zettel mit dem Vermerk „DNA-Test“ aus Hanfkötters Wohnzimmer hatte ihm keine Ruhe gelassen. „Du hattest recht, herzlichen Glückwunsch“, das schrieb man doch nicht bei Kühen oder Pferden!

Und tatsächlich, der Techniker gab zu, dass er für seinen Freund einen Vaterschaftstest mit menschlicher DNA gemacht hatte - aber nicht, um nachzuweisen, dass Henriette die Tochter von Erich Ehlers war, was Sönke Sievers vermutet hatte.

Hagen Hanfkötter war der Vater von Erwin Ehlers. 
Nun wunderte ihn auch der komische Satz nicht mehr, den er und Nadine immer wieder diskutiert hatten. Hagen hatte Rosi weggeschickt, weil er sie „nicht mehr brauchte“.
Der Grund, warum er überhaupt einen Landwirtsliebling gesucht hatte war der Wunsch nach einem Erben. Und den hatte er ja bereits.

Nadine Neumann hatte dem Hauptkommissar auch hier einen wichtigen Hinweis geliefert - es lohnte sich tatsächlich, die Show „Landwirt sucht Liebling“ zu schauen. Bei der Vernehmung am Donnerstag hatte Hanna von Erwins Eltern als „Ella und Erich“ gesprochen. Als der Hauptkommissar ihr davon erzählte erinnerte sich Nadine Neumann sofort, dass Hagen Hanfkötter in einer der Fernsehfolgen seiner Jugendliebe nachgetrauert hatte mit den Worten „Die Ella hat dann lieber einen Beamten genommen.“

Erwin Ehlers als Hoferbe. Nadine Neumann brach in schallendes Lachen aus. „Dann gibt es künftig ja wirklich Gothicfestivals in Engelbostel“, sagte sie.

„Das mag sein, Frau Neumann, aber wir sollten uns jetzt beeilen, denn wir wissen ja, dass Herbert Hanfkötter heute nach Sylt reisen will. Wollte die Hanna ihn nicht heute zum Zug bringen? Hat sie das gestern nicht gesagt?“

„Stimmt - um kurz nach sechs geht der Zug.“
„Gutes Gedächtnis, Frau Neumann.“

„Chef, wir sind ein klasse Team, oder?“ 
Sönke Sievers zögerte nur einen kurzen Moment: „Doch, Frau Neumann, das wird langsam mit uns als Kollegen.“

Gemeinsam brachen sie zum Bahnhof Pferdemarkt auf, um Herbert Hanfkötter zu verhaften.

Epilog:

Herbert hatte schon immer gewusst, was in der alten Urkunde stand, die über dem Sofa hing. Der Rest der Familie hatte sich natürlich nie dafür interessiert. Hanna interessierte sich für gar nichts mehr. Und Hagen war dauernd unterwegs, die schönen Ländereien der Familie mit Pestiziden zu verseuchen.

Herbert hatte sich damit abgefunden. Er war auf dem Hof zuhaus. Dann war Hella gekommen und hatte die Buchführung bei Hanfkötters übernommen. Erst jetzt erfuhr Herbert, wieviel Vermögen noch auf Hagens Konten schmorte. Und dass Hagens Vermögen stetig wuchs - auch deswegen, weil er mit Hanna und ihm ja kostenlose Arbeitskräfte auf dem Hof hatte.

Hagen verkaufte die besten Felder des Hofes als Bauland und nutzte den Erlös nicht, um den Hof zu modernisieren, sondern legte das Geld auf die Bank. Zu all dem anderen Geld. Von dem niemand in der Familie etwas haben würde, solange es Hagen gehörte.

Herbert war gleichmütig und Kummer gewöhnt. 
Er würde ja selbst zu Geld kommen, wenn er erst sein Patent für das neue Güllefass eingereicht hätte. Doch das konnte noch dauern. Als seine Hella ihre knappe Reisekasse für den Sylturlaub zählte, hatte Herbert einen Vorstoß bei Hagen gewagt. 1.000 Euro, mehr wollte er doch gar nicht. Hagen sagte nein.
Sylt - sowas kam für Hagen nicht in Frage. Man sollte die Frauen wirklich nicht zu sehr verwöhnen.

Im sonntäglichen Morgengrauen knackte Herbert die Kasse des Sparclubs. Es war die erste ungesetzliche Tat seines Lebens. Hella hatte es verdient, verwöhnt zu werden. 
Und was sollte Hagen anders tun, als den fehlenden Betrag zu ersetzen? 
Herbert hatte kein sonderlich schlechtes Gewissen dabei.

Und sein Gewissen wurde noch besser, als Herbert auf dem Hegermarkt Friedrich Frenzen traf, der ihm berichtete, dass er gerade ein Güllefass-Patent angemeldet hatte. „Und stell Dir vor, der entscheidende Hinweis, der mir noch fehlte, kam von Hagen!“

Herbert beobachtete, wie Frenzen Hagen lobte und auf die Schulter klopfte. Hagen hatte keine Ahnung von Technik. Hagens Tipp an Frenzen war der besondere Kniff an Herberts Güllefass gewesen, den er Hagen gutherzig erzählt hatte. Und Hagen hatte sich wahrscheinlich nicht einmal etwas dabei gedacht, Herberts Aussicht auf Erfolg zu ruinieren.

Herbert kochte. Denn damit war seine Chance auf ein erkleckliches Vermögen aus dem Patent dahin. Und wieder war es Hagen, der ihm im Weg gestanden hatte.
Herbert Hanfkötter trank sich Mut an, um Hagen zu stellen. Und als sein Cousin aufbrach, um einmal mehr ganz persönlich die Felder zu düngen, folgte er ihm mit dem Jagdgewehr, das immer in der Hotelhalle hing.

Sein Cousin Hagen Hanfkötter würde Herbert nie wieder schikanieren.
"Was solln'das?", fragte Hagen, als sein Cousin mit dem Jagdgewehr vor ihm stand.
Eine Antwort bekam er nicht mehr, bevor der Schuss fiel, der sein Leben beendete.

ENDE