Kapitel 9

258 Raubkopien von Horror- und Actionfilmen hatte Nadine Neumann am Nachmittag zuvor in einem kleinen Verschlag am Ende des Hanfkötterschen Stalles gefunden. Sie waren unter einer Pferdedecke verborgen und darauf war Soundequipment abgestellt.

Ritchie Rosenbauer gab zu, dass sie Erwin mal im Stall dabei erwischt hatte, seinen Rucksack mit den DVDs zu füllen. Und das Mädchen hatte sich ehrlich gefreut, dass Erwin ihr einen coolen Film geschenkt hatte, den ihre Mutter ihr sicher nicht gekauft hätte.

Erwin Ehlers sah sich am nächsten Morgen mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Strafverfahren auf ihn zukommen würde. Doch da er nur Zwischenhändler war und den Hersteller der Raubkopien verraten hatte, würde er vielleicht mit einer milden Strafe davonkommen. 

Nadine Neumann war stolz darauf, „ganz nebenbei“ einen Straftatbestand entdeckt und aufgeklärt zu haben und bekam das erwartete Lob von ihrem Chef.

Doch dass er Hagen Hanfkötter umgebracht hatte, weil dieser das Hehlerlager auffliegen lassen wollte, dass leugnete Erwin rundheraus. Sein Onkel Hagen habe immer gedacht, dass er dort Soundequipment für Gothickonzerte lagere. 

„Onkel Hagen hat nie nachgeguckt, was da sonst noch liegt. Für das, was andere Leute machen, hat er sich doch nie interessiert. Bloß für seinen Pestizidkram, für Gülle und so’n Zeug. Ich - Onkel Hagen umbringen? Ich glaube, es hackt.“

Sönke Sievers hatte unterdessen ein fast schon erwartetes Ergebnis aus der Spurensicherung bekommen. Die Geldkassette zeigte keine verwendbaren Fingerabdrücke. Doch etwas Auffälliges hatte sich trotzdem ergeben. 

Sowohl die Tatwaffe als auch die Geldkassette waren mit einem Zellstoffmaterial abgewischt worden, das dieselben Faserrückstände zeigte und Taschentüchern einer bestimmten Marke zugewiesen werden konnte.

Ein Hinweis, dass beide Taten vom selben Täter begangen wurden, der die Tücher regelmäßig bei sich hatte - wenn auch kein unumstößlicher Hinweis, denn die Taschentücher gehörten zu einer häufig verkauften Marke.

Sönke Sievers wollte bei der Beerdigung Hagen Hanfkötters genau beobachten, wer vielleicht Taschentücher dieser Marke benutzte. Eine Person war für ihn nach dieser neuen Erkenntnis weitgehend aus dem Rennen - zumindest wenn man davon ausging, dass es für den Geldraub und den Mord nur einen Täter gab.

Aber die anderen drei Hauptverdächtigen waren nach wie vor im Rennen. Und einer wie die andere hatten Motive. Und keiner hatte ein Alibi.

Die Beerdigung war groß und schmucklos - so wie Hagen Hanfkötter es gewesen war. Das ganze Dorf war erschienen, Vertreter aus der Politik und natürlich die Güllebrüder, die den Sarg trugen.

Hanna hatte beschlossen, „statt Blumen“ um eine Spende für eine Tierschutzorganisation zu bitten. Ein deutliches Zeichen, dass auf Hanfkötters Hof in Zukunft ein neuer Wind wehen würde. Hagen hätte das sicher nicht gutgeheißen.

Der Hauptkommissar hatte ganz weit hinten auf dem Friedhof dann doch Resi Rosenbauer und ihre Tochter Ritchie entdeckt. Doch die Fast-Witwe, die sogar ein paar Tränen verdrückte und sich kräftig schnäuzen musste, hielt sich zurück und trat nicht direkt an das Grab. Die Kameras waren nicht mehr auf Resi Rosenbauer gerichtet und ihr Verhalten zeigte, dass es eigentlich nicht in ihrer Natur lag, sich in den Vordergrund zu spielen.

Interessanter als die Beerdigung war für Sönke Sievers das nachfolgende Kaffeetrinken in einem Restaurant. Er stellte fest, dass es das Restaurant war, das zum Hotel gehörte, in dem das Fernsehteam abgestiegen war. Doch seine Sorge, dass Werner Wieczokeit stören könnte, blieb unbegründet.

Am Kaffeetisch durften die Beerdigungsgäste ihre Trauerminen fallen lassen. Es wunderte Sönke Sievers immer wieder, wieviel bei Beerdigungskaffeetrinken nach dem Verspeisen des Butterkuchens gelacht wurde.

Doch zunächst hielt Herbert Hanfkötter eine beeindruckende Rede auf seinen Cousin, in der er es schaffte, ihn so darzustellen, dass man vordergründig denken könnte, ein ganz besonderer Mensch sei von uns gegangen.

„Mein Cousin Hagen lebte die Tradition unserer Vorfahren im besten Sinne. Er hielt den Hof und seine Ländereien zusammen und trotzte dem Sandboden ein Höchstmaß an Erträgen ab. Das allzu Moderne war nicht Hagens Sache, doch wenn es um den Hof ging, dann waren es die neuesten Errungenschaften der Industrie, mit denen er die Erde unserer Felder beglückte.“

Sönke Sievers musste unweigerlich schmunzeln, als er hörte, wie Herbert Hanfkötter sogar den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln zu romantisieren wusste.

„Hagen brachte sich stets für die Allgemeinheit ein. Seit 1999 in einer wunderbaren Gemeinschaft, die er maßgeblich geprägt hat, unserer Güllegemeinschaft - und seit Kurzem auch in der Politik, wo es ihm ein Ansinnen war, dass junge Familien in unserem schönen Dorf Plätze zum Bauen ihrer Häuser bekamen.“

Dass es Hagens Äcker waren, die der Rat zu Bauland machen sollte, um das Familienvermögen zu mehren,  erwähnte Herbert Hanfkötter natürlich nicht.

„Hagen war unser Familienoberhaupt und er hatte stets eine klare Meinung dazu, was das Beste für unsere Familie und unseren Hof ist. Wir lebten sein Traditionsbewusstsein und seine Sparsamkeit.“

Sönke Sievers staunte. Herbert Hanfkötter sagte eigentlich nichts anderes, als dass Hagen die Familie rumkommandiert hatte und sowohl altmodisch als auch geizig war. Aber wie schön er das formulierte.

„Hagen, wir werden Dich nie vergessen. Es verging kein Tag, an dem Du unser Leben nicht geprägt hast. Nun wirst Du in die Hofgeschichte eingehen und eine neue Zeit beginnt. Lasst uns gemeinsam ein letztes Mal im Stillen an Hagen Hanfkötter denken, auf dass jeder ihm in Gedanken noch einmal sagt, was ungesagt bleiben musste.“

Hatte eigentlich niemand gemerkt, dass diese Trauerrede nur schön klang - aber eigentlich voller Abneigung war? Sönke Sievers schaute in die Runde, wo die Menschen ergriffen gelauscht hatten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Herbert unbewusst Worte gewählt hatte, die aufmerksamen Zuhörern klar machen mussten, dass Hagen kein großer Verlust war. 

Täuschte er sich oder sah er, dass Hanna ihre Mundwinkel zu einem kleinen ironischen Lächeln nach oben gezogen hatte? An welche ungesagten Dinge dachte sie wohl gerade in der Stille? Der Kommissar hatte Hanna Hanfkötter wirklich unterschätzt. Die Art, wie sie ihren Cousin Herbert anschaute, zeigte, dass sie eine der wenigen war, die begriff, was alle gerade gehört hatten.

Und wie sie heute aussah! Der Wandel von der schmucklosen Bäuerin in eine elegante Dame vollzog sich zusehends. Sie trug sogar Schmuck zu ihrer schwarzen Bluse! Der Hauptkommissar zweifelte nicht daran, dass die Familie über die Jahrhunderte eine Menge wertvoller Stücke angesammelt hatte. Doch dass Hanna Hanfkötter diese Erbstücke trug - das war möglicherweise das erste Mal.

Der Hauptkommissar beobachtete auch Erwin Ehlers. Der junge Mann, dessen stets schwarze Bekleidung heute wirklich mal zum Anlass passte, saß etwas verloren zwischen den Gästen. Er schwieg die meiste Zeit. Kein Wunder, hatte er doch am Morgen noch im Kommissariat gesessen und sich für seine Hehlereien rechtfertigen müssen. Nadine Neumann ließ Ehlers nicht aus den Augen. Sie war fest davon überzeugt, dass er der Täter war.

Hanna Hanfkötter hingegen würdigte den Freund ihrer Tochter keines Blickes. Die Tatsache, dass Erwin auf ihrem Hof Raubkopien gelagert hatte, setzte der Abneigung die Krone auf. Sönke Sievers sah, wie Erwin auf sie zuging und sie ansprach. Dabei legte er ihr eine Hand auf die Schulter.

„Hanna, ich wollte...“

Sie unterbrach Erwin rüde und streifte seine Hand von ihre Schulter ab. „Geh. Und lass Dich auf unserem Hof nicht mehr blicken.“

Ihre Tochter Henriette erhob sich und blaffte der Mutter entgegen: Wenn Du Erwin rausschmeißt, gehe ich auch.

Erwin Ehlers griff zu seiner Zigarettenschachtel und verließ den Raum. „Geh! Hau ab!“ rief Hanna laut, als Erwin im Türbogen noch einmal zögerte. „Onkel Hagen hätte gewollt, dass ich bleibe“, entgegnete er laut. „Er wollte den Hof in jüngere Hände als Deine übergeben. Henriette und mir. Er ist bloß nicht mehr dazu gekommen, ein Testament zu machen.“

Henriette Hanfkötter folgte ihrem Freund und drehte sich an der Tür noch einmal kurz um: „Hört diese Familie denn nie auf, peinlich zu sein“, sagte sie, zögerte einen Moment und verließ dann den Raum. 

Dann verließ Erwin Ehlers den Raum. Alle Blicke wandten sich zu Hanna, die nur den Kopf schüttelte.  War es, um die Situation zu entspannen? Cousin Herbert erhob sich noch einmal zu einer kleinen Ansprache.

„Ich wurde gerade von jemandem gefragt, ob es möglich wäre, in Zukunft zugunsten der Tiere auf bestimmte chemische Mittel zu verzichten. Und ich kann allen landwirtschaftlichen Nachbarn und den Mitgliedern des Hegeringes bestätigen, dass sich auf unserem Hof viel ändern wird. Die Zeiten der Pestizide sind vorbei.“ Herbert erntete regen Applaus für seine Worte und man sah ihm an, dass er sich gern dafür feiern ließ.

Doch wieder war es Hanna, die den Anflug guter Stimmung unterbrach. „Herbert, das hast Du ja wohl nicht zu bestimmen. Es ist mein Hof. Und wer in Zukunft was von uns will, der wendet sich bitte erstmal an mich.“

Sie sagte es freundlich, aber bestimmt. Und sie setzte noch nach: „Vor allem ist auf unserem Hof jetzt die Männerwirtschaft vorbei.“ Auch dafür gab es Applaus, besonders von den Damen, die mit den Güllebrüdern gekommen waren.

Doch Herbert lächelte weiter selbstbewusst. Anscheinend glaubte er, seine Cousine überzeugen zu können, den Hof künftig anders zu führen.

Nadine Neumann, die Erwin und Henriette vor die Tür des Restaurant gefolgt war, wo er eine Zigarette nach der anderen rauchte, kam zurück und trat zu ihrem Chef.

„Chef, ich hab’s“, sagte sie. „Der Erwin war’s doch nicht, der ...“

Der Hauptkommissar forderte sie auf, leiser zu reden, sodass die Gäste den Rest der Unterhaltung nicht mehr verstehen konnten.  

Die nächsten Worte, die man verstehen konnte, waren die des Hauptkommissars. „Nein, Frau Neumann, auch das halte ich für keinen stichhaltigen Beweis. Aber die andere Sache haben Sie gut beobachtet. Das ist mir auch schon aufgefallen.“

Der offizielle Teil des Kaffeetrinkens war vorbei und die Gäste begannen, sich zwanglos zu unterhalten. Herbert Hanfkötter holte auch Erwin und Henriette wieder in den Raum. Schließlich tranken die beiden mit Hanna sogar einen Likör. Für Hauptkommissar Sönke Sievers und seine Kollegin war es Zeit, zu gehen und in Ruhe die Erkenntnisse zusammenzufassen, die der heutige Tag gebracht hatte. Waren Sie der Lösung des Falles ein Stück näher gekommen? Nadine Neumann war davon überzeugt.

Doch Sönke Sievers grübelte die ganze Zeit darüber nach, was ihm bisher entgangen war. Er hatte das deutliche Gefühl, dass eine bestimmte Beobachtung des Tages eine andere Bedeutung hatte, als er bisher geglaubt hatte. Und genau das wollte er schnellstmöglich überprüfen.