Kapitel 8:

Sönke Sievers begann, die technischen Errungenschaften seiner jungen Kollegin wirklich zu schätzen. Gleich morgens war sie mit ihrem Tablet zu ihm gekommen und hatte Bilder aus Hanfkötters Wohnzimmer gezeigt. 
„Sieht das nicht nach einer Geldkassette aus?“, fragte sie und zoomte ein Detail des Bildes heran.
Es war nicht nur eine Geldkassette sondern tatsächlich eine aufgebrochene Geldkassette.

Der Hauptkommissar fuhr nach Engelbostel und fand das angeblich vermisste Stück auf einen Blick. Zu seiner Überraschung hatte nicht Hanna die Tür geöffnet sondern Erwin, der ganz allein im Haus Hanfkötter war. 
„Die Geldkassette ist leer. Können Sie mir etwas dazu sagen?“, fragte Sönke Sievers.
Erwin schüttelte den Kopf. 
„Sie sind ja chronisch klamm, Herr Ehlers, kann es nicht sein, dass Sie die Geldkassette geknackt haben?“
Erwin Ehlers blickte den Hauptkommissar empört an.
„Ich klau doch nicht das Geld des Sparclubs“, sagte er.

„Vom Sparclub habe ich gar nicht gesprochen, Herr Ehlers. Sie wussten also, was das für eine Geldkassette ist?“
Erwin Ehlers leugnete nicht.
„Das wusste doch jeder in der Familie. Jeden Sonnabendnachmittag saß Onkel Hagen am Stubentisch und zählte das Geld einmal durch. Dabei war doch völlig klar, wieviel Geld dazukommen würde. 20 Güllebrüder a 5 Euro. Macht 100 Euro jede Woche. Wir haben immer gelacht, dass er nicht einfach 100 Euro dazuzählt sondern alles komplett zusammenrechnet.“

„Vielleicht war er skeptisch gegenüber seinen Familienmitgliedern? Er hatte ja anscheinend Recht damit. Das Geld ist weg.“ Sönke Sievers beobachtete Erwin Ehlers genau. Der junge Mann sah ihm nicht in die Augen, als er seinen Rucksack schulterte, um das Haus zu verlassen. 

Schuldgefühle?
Irgendetwas verbarg Erwin. 
„Wieviel war denn drin am letzten Wochenende“, fragte der Hauptkommissar.
„1.800 Euro.“

Die Antwort kam spontan und ohne nachzudenken. Wusste Erwin den genauen Betrag, weil er das Geld selbst genommen hatte? Oder hatte er nur dabei gesessen, als Hagen das Geld zählte? Sönke Sievers fragte nicht weiter nach. Der junge Mann würde sowieso leugnen. Doch der Betrag stimmte genau. Diese Summe hatte ihm ein Vertreter der Güllegemeinschaft nach seinen Berechnungen ebenfalls genannt.

„Wann wird Frau Hanfkötter zurück sein?“, fragte er stattdessen.
„Die Hanna ist in der Stadt. In einem Nagelstudio. Schräg, hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Sie können Sie auf dem Handy erreichen.“

Hanna Hanfkötter hatte ein Handy? Das hatte er ihr gar nicht zugetraut und sagte es Erwin.
„Hat sie gestern mit nach Haus gebracht. Ein echt gutes Ding, iPhone natürlich.“

Hanna machte sich. Erstaunlich. Sehr erstaunlich. 

Sönke Sievers, der sich mit Resi und ihrer Tochter in einem Restaurant am Marktplatz verabredet hatte, beschloss, Hanna Hanfkötter ebenfalls dorthin zu bestellen. Wenn sie schon einmal in der Stadt war, konnte sie ihm auch dort Rede und Antwort stehen.

****************

Nadine Neumann war, während ihr Chef die Geldkassette aus dem Haus Hanfkötter abholte und der Spurensicherung für die Untersuchung auf Fingerabdrücke übergab, nicht untätig gewesen. Einem Hinweis ihrer Freundin Susi folgend, die mit Ehlers auf Facebook befreundet war, besuchte sie das Café Monopol, ein Jugendcafé, in dem sich Erwin oft aufhielt. Nadine war jung genug, um dort nicht aufzufallen. Sie musste nur die Ohren öffnen und mit wachen Augen verfolgen, was am Tresen abging.
„Ist Hehlers heute nicht da?“, fragte ein Gast.

Nadine fragte sich, ob sie sich gerade verhört hatte und startete einen eigenen Versuch. „Ich dachte auch, Erwin wär heute hier“, sagte sie zu dem jungen Mann hinter dem Tresen, „ich müsste mit ihm reden.“
„Hehlers braucht sich hier nicht mehr blicken lassen“, erfuhr sie. „Wir dulden seine Geschäfte hier nicht.“
Hehlers. Sie hatte es genau gehört.
Eine Art Spitzname?
Als Nadine ihren Polizeiausweis zückte, um ganz offiziell weitere Fragen zu stellen, verschloss sich der Café-Mitarbeiter und leugnete, „Hehlers“ gesagt zu haben: „Ehlers hab ich gesagt, Sie müssen sich verhört haben.“ Und mit den Geschäften, da meinte er eben Erwins Websitesache. 
Nadine aber hatte genug gehört. Sie wusste jetzt, was sie Resis Tochter fragen musste, wenn diese nachmittags mit ihrer Mutter zu einem Gespräch in die Stadt kam.

****************
Resi Rosenbauer und ihre Tochter hatten schon im Restaurant gegessen, als der Kommissar und seine Assistentin ankamen. Resi war gut gelaunt und auch Ritchie strahlte über das ganze Gesicht. Einige Einkaufstüten standen rund um den Tisch verteilt.
Mutter und Tochter ließen es sich gut gehen.

„Na, Frau Rosenbauer, Sie sehen ja so entspannt aus?“
„Hallo Herr Sievers. Ja, uns geht’s gut. Die Dreharbeiten sind endlich vorbei.“
„Wollten Sie nicht eigentlich schon längst abgereist sein?“

Das Gesicht der verschmähten Ehekandidatin verdüsterte sich wieder.
„Nein, ich wollte eigentlich zu diesem Zeitpunkt glücklich verheiratet sein und ein neues Leben auf dem Hof beginnen. Und noch vor einer Woche dachte ich, genau so würde es kommen.“

„Am Wochenende geht’s endlich nach Hause“, fuhr Ritchie fröhlich dazwischen. „Man, hab ich dieses Kaff satt.“
Der Hauptkommissar sah in Resis Augen immer noch dieses Lodern der Verletzung und er wollte die Fränkin noch etwas mehr provozieren.
„Wenn ich mir Ihre Einkäufe anschaue hat es sich doch trotzdem gelohnt, an der Fernsehserie teilzunehmen, nicht wahr? Anscheinend sind die Gagen schon ausgezahlt.“

„Gelohnt? Es hat sich gelohnt, mal wieder von einem Mann nach Strich und Faden verarscht zu werden? Ausgenutzt in jeder Beziehung und dann einfach weggeworfen? Und Sie reden von ‘gelohnt’? So können auch nur Männer reden.“

Resi Rosenbauer atmete schnell und nahm hastig einen Schluck aus dem Wasserglas. 
Der Kommissar fragte weiter: „Vielleicht haben Sie aber auch noch gar keine Gage bekommen, sondern einfach das Trostpflaster verbraucht, das Sie sich selbst genommen haben? 1.800 Euro?“

Resi Rosenbauer war nun noch mehr in Rage.
„Ich glaub, ich red gar nicht mehr mit Ihnen. Nun bezichtigen Sie mich auch noch, das Geld vom Sparclub genommen zu haben.“

Der Kommissar musste nicht weiterfragen. Er hatte Resi Rosenbauer genug aus der Reserve glockt.  Er schaute zu, wie sich Nadine Neumann die Funktionen von Ritchies Smartphone erklären ließ. Geduldig hörte sie dem Mädchen zu, gewann ihr Vertrauen und stellte dann, ganz beiläufig eine freundliche Frage.

„Sag mal, ich hätte auch gern so eine DVD, wo hast Du die denn auf dem Hof gefunden?
Ritchie antwortete ihrer neuen Freundin arglos. „Na, der Schuppen hinten im Stall ist doch voll davon.“

„Klasse, gehörten die Hagen?“
„Nee, die gehören Erwin.“ Ritchie sah auf und erinnerte sich daran, dass der Hauptkommissar und ihre Mutter mit ihr am Tisch saßen. „Aber das sollte ich eigentlich nicht sagen. Er hat mir doch Dienstag die DVD geschenkt, damit ich Hanna nix erzähle.“

Nadine schaute Ritchie augenzwinkernd an. „Hanna ist ja auch gar nicht hier.“
An Ritchies Mutter gewandt fragte die junge Polizistin: „Ich würde gern mit Ritchie auf den Hof fahren und das Warenlager betrachten.“

Resi Rosenbauer, verblüfft davon, was Nadine aus dem Mädchen herausgekriegt hatte, nickte nur.
„Wenn Sie die Ritchie hinterher am Hotel absetzen ist das kein Problem.“

Ritchie merkte nun langsam, dass sie wohl etwas ausgeplaudert hatte, das Folgen haben könnte. Skeptisch schaute sie Nadine Neumann an.
„Ich glaube nicht, dass Erwin das gut fände“, sagte sie ängstlich. „Sind doch alles seine Sachen, sagt er.“
„Ritchie, ich bin von der Polizei, wir dürfen uns alle Sachen angucken, auch wenn sie jemandem gehören“.

Resi Rosenbauer nickte. „Da hat die Frau Neumann recht. Zeig’s ihr.“
„Chef, ich hab’s“, raunte Nadine Neumann Sönke Sievers noch lächelnd zu, als sie aufstand, um mit Ritchie auf den Hof zu fahren. Erneut war er da nicht so sicher - aber gute Arbeit hatte sie mit der Befragung des Mädchens auf jeden Fall geleistet.

Mit hängenden Schultern folgte Ritchie der Polizistin. Während die beiden den Platz verließen, ging das Handy des Hauptkommissars: „Frau Hanfkötter! Hier beim Thai, direkt am Marktplatz, wir warten auf Sie!“

„Die Hanna kommt auch? Gut, dann kann ich mich gleich verabschieden.“
Der Hauptkommissar wunderte sich. „Sie kommen morgen nicht zur Beerdigung?“

„Nein, was soll ich da? Mich vergewissern, dass er tot ist? Ich muss endlich mit der ganzen Sache abschließen.“
„Wann geht es denn nach Haus?“
„Am Sonnabend. Morgen fahr ich mit der Ritchie in den Zoo. Sie soll noch was Schönes sehen, bevor wir heimfahren.“

Resi Rosenbauer hatte sich wieder beruhigt. Sie winkte Hanna Hanfkötter zu, die über den Marktplatz auf das Restaurant zukam. 
„Brauchen Sie mich hier eigentlich noch? Sonst würd ich mich nur schnell von der Hanna verabschieden und dann in’s Hotel fahren.“

Der Hauptkommissar war einverstanden - das Gespräch mit Hanna führte er tatsächlich lieber allein.
Die Frauen verabschiedeten sich herzlich, versprachen, in Kontakt zu bleiben und umarmten sich sogar.

Sönke Sievers beobachtete verblüfft, welche Wandlung mit Hanna Hanfkötter geschehen war.
Nicht nur die eleganten Fingernägel machten den Unterschied, auch die Bekleidung hatte sich so sehr verändert, dass man die bisher so schmucklose Haushälterin des Hofes nicht wiedererkannte.

Sönke Sievers hatte fast ein wenig Hemmungen, Hanna mit Fragen zu konfrontieren, die sicher unangenehm würden. Er gönnte der Frau ihr neues Leben. Doch er fragte sich, mit welchem Preis dieses neue Leben erkauft war.

„Frau Hanfkötter, Sie sehen völlig verändert aus.“
Hanna schaute auf ihre frisch lackierten Fingernägel und lächelte den Hauptkommissar an.
„Ja, ich dachte, ich mach mal was anders.“

Hatte er Hanna Hanfkötter überhaupt schon einmal lächeln gesehen?
Sie wirkte befreit. Als ob eine Last von ihren Schultern gefallen wäre.

Sönke Sievers, der wusste, dass Smalltalk nicht Hannas Sache war, kam ohne Umschweife zu dem Thema, das ihn seit dem Morgen beschäftigte.
„Frau Hanfkötter, Sie wussten ganz genau, wo die Geldkassette des Sparclubs ist. Doch Sie haben nichts gesagt, als Ihr Cousin gestern behauptete, die Kassette sei verschollen.“

„Was hätte ich denn sagen sollen? Als Herbert das Geld Mittwoch Morgen holen wollte, haben wir gesehen, dass die Kassette aufgebrochen war. Ziemlich peinlich, oder?“

„Warum haben Sie mir nichts davon gesagt? Es kann ja immerhin sein, dass es der Täter war, der die Kassette aufgebrochen hat.“

„Nee, das glaub ich nicht. Dann wär’s ja einer aus der Familie gewesen. Und wir machen sowas nicht. Also Leute umbringen.“

„Wer wusste von der Geldkassette im Wohnzimmer ausser Ihnen und Ihrem Cousin?“

„Der Erwin, Resi vielleicht, Hella, Henriette. Vielleicht auch die Kleine von der Resi.“

„Und wusste auch jemand, wo Hagen Hanfkötter den Schlüssel für die Kassette aufbewahrte?“
Hanna Hanfkötter hatte mitgedacht und wusste genau, worauf der Kommissar hinauswollte. „Den trug er an seinem Schlüsselbund. Und das hatte er in der Hosentasche. Da ist der Dieb wohl nicht ran gekommen.“

„Sie hätten die Kassette also nicht aufbrechen müssen?“
 „Ich? Nee. Ich hätte mir bloß sein Schlüsselbund nehmen müssen.“
Das klang auch für den Hauptkommissar überzeugend.
„Und Erwin?“, hakte er nach. „Ist der nicht chronisch in Geldnot?“

Hanna schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Sievers. Ich kann den Jungen zwar nicht leiden, aber ich trau ihm nicht zu Hagen zu beklauen. Die beiden haben sich verstanden. Fragen Sie mich nicht, wieso.“

Sönke Sievers kam jetzt zu der Frage, die für ihn ein noch spannenderes Fragezeichen war als die Geldkassette. „Erwin gehört ja zur Verwandtschaft. Sie kennen also auch seine Eltern?“

„Klar. Ella hat den Erich ja sogar bei uns auf dem Hof kennengelernt. Arme Ella, die lebt ja nun auch nicht mehr.“

„Und Erich Ehlers, mochten Sie ihn früher? Also lieber als seinen Sohn?“
„Was soll denn die Frage?“

„Ich würde gern wissen, ob sie mit Erich Ehlers mal näheren Kontakt hatten.“
Der Hauptkommissar hatte nicht gedacht, dass er mit dieser Frage Erheiterung auslösen würde.
„Erich, der dröge Kerl? Der Langweiler? Ich und... Erich?“
Hanna lachte herzlich.
„Aber was geht Sie das eigentlich an?“

„Wir haben uns gefragt, warum Sie Erwin nicht an der Seite Ihrer Tochter sehen möchten.“
„Na, weil er ein Spinner ist und überhaupt nicht auf’n Hof passt.“
Hanna schaute den Hauptkommissar erstaunt an, als würde sie gerade bemerken, worauf er wirklich hinauswollte.
Ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem breiten Grinsen als sie sagte: „Ich glaub, mich laust der Affe. Sie denken, Erich und ich... also Erich wär der Vater von Henriette?“

Sönke Sievers nickte. „In diese Richtung gingen unsere Gedanken, ja.“
Hanna lachte und es schien, sie könne damit gar nicht wieder aufhören. Wieviel Heiterkeit hatte sie all die Jahre hinter ihrer Kittelschürze verborgen. Und welche Last musste von ihr abgefallen sein, dass sie nun so unbefangene Reaktionen zeigte.

Der Hauptkommissar nutze die Möglichkeit, schnell nachzuhaken.
„Und der Vater von Henriette ist Manfred?“
Hannas Lachen stockte.
Sie zögerte.

„Ja, Herr Kommissar, jetzt haben Sie mich kalt erwischt. Aber es wird ja sowieso rauskommen. Henriettes Vater ist Manfred. Den mein Bruder nicht leiden konnte.“

„Und mit dem Sie jetzt ein neues Leben anfangen wollen.“
„So isses. Wird ja auch Zeit, oder? Damals war er verheiratet. Jetzt ist er geschieden. Nächste Woche kommt er her und wir fahren zusammen an die See.“

Sönke Sievers setzte noch einen Stich. „Und da kaufen Sie ein Haus von Hagens Geld.“
„Von meinem Geld, Herr Sievers. Es ist jetzt mein Geld.“

Der Hauptkommissar stand auf, um sich zu verabschieden. Diese Vernehmung hatte zwar einige der Rätsel geklärt - aber auch neue Fragen aufgeworfen.
Wie sehr hatte sich Hanna das neue Leben mit ihrer alten Flamme gewünscht? Genug, um den Bruder, der zwischen ihr und dem Familienvermögen stand, umzubringen? Und was verbarg Erwin Ehlers alles im Schuppen am Ende des Stalles?

Sönke Sievers hoffte, dass seine Assistentin diese Frage in der Zwischenzeit geklärt hatte und ging in das Kommissariat zurück. Als er sich noch einmal umdrehte sah er, dass Herbert Hanfkötter und der junge Ehlers über den Marktplatz gingen. Herbert trug ein großes rechteckiges Paket unter dem Arm und Erwin redete auf ihn ein. Der Kommissar beobachtete, dass sie in weiter Entfernung am Restaurant vorbeigingen, ohne Hanna wahrzunehmen. Sönke Sievers stellte fest, dass er über Herbert Hanfkötter noch viel zu wenig wusste. Bei der Beerdigung würde er ihn genauer unter die Lupe nehmen.



Die Abschlussfrage:

Um 24 Uhr wird die Abschlussfrage hier veröffentlicht. Die Lösung kann dann bis 14 Uhr am Sonnabend, 27. September, eingesandt werden.
Jede richtige Lösung der Abschlussfrage und jede richtige Lösung einer Tagesfrage kommen in den Lostopf für die Hauptpreise.