Kapitel 7, Mittwoch, 24. September

Als Polizist muss man ja an den kuriosesten Ereignissen teilnehmen. Aber das, was ihn heute erwartete, klang besonders eigentümlich: das landwirtschaftliche Essen des Sparclubs der Güllegemeinschaft stand an. Hagen Hanfkötter war Vorsitzender der Güllegemeinschaft und ihres Sparclubs gewesen, wie immer treu flankiert von seinem Cousin Herbert, der jeweils den stellvertretenden Vorsitz übernommen hatte. 

Nadine Neumann hatte erstmal gegoogelt, was Güllegemeinschaften sind und den Chef informiert. Eine praktischere Angelegenheit als der unappetitliche Begriff vermuten ließ.
Überhaupt war Sönke Sievers überrascht, wieviele Informationen Nadine Neumann gesammelt hatte.
Mit den Worten „Chef - ich hab’s“ hatte sie ihn gleich morgens begrüßt und ihre neueste Theorie vorgetragen.
„Es war die Hanna. Die hatte in ihrer Jugend ein Verhältnis mit dem Vater vom Erwin. Und darum ist der Vater von Erwin auch der Vater von Henriette und darum will sie die beiden auseinander bringen. Hagen wusste das, wollte es Henriette petzen und dafür hat Hanna ihn umgelegt.“

Sönke Sievers war verdutzt. Nadines wieselflinke Art, Verdächtige zu vernehmen und mit ihren Fragen zu bombardieren, beeindruckte den Hauptkommissar und nachdem sie erzählt hatte, wie Hanna Hanfkötter auf ihre Fragen reagiert hatte, fand er den Gedanken, dass der Vater von Erwin auch Henriettes Vater sein könnte, nicht komplett abwegig.

Doch er musste die Freude seiner Assistentin über ihre Erkenntnisse trüben: „Wenn die beiden tatsächlich Halbgeschwister sind und Hagen es wusste: warum hätte er es petzen sollen?“

„Och Mensch, Chef“, Nadine guckte so traurig, dass es Sönke Sievers fast leid tat. Hanna Hanfkötter war ja keineswegs entlastet, tröstete er seine junge Kollegin. Nur wäre eben die Halbgeschwister-Theorie etwas schwach, um einen Mord innerhalb der Familie zu rechtfertigen. Eher interessierte sich der Hauptkommissar für das „chice Foto“ von Hanna und für ihren Schriftwechsel mit „Manfred“, der so klang, als ob Hanna sich auf ein neues Leben vorbereiten wolle. Ein Leben ohne ihren Bruder Hagen. Ein Leben, das mit einem „Haus am Meer“ zu tun hatte, von dem „Manfred“ schrieb. 
Nadine Neumann fand den Brief des unbekannten Verehrers beeindruckend. „Alles mit der Hand geschrieben, zwei Seiten. Und so eine ordentliche Schrift!“

Handschriftliche Briefe waren nicht mehr Sache des Onlinezeitalters, das hatte Sönke Sievers mittlerweile begriffen. Darum schüttelte er nur innerlich den Kopf über Nadine, die den abfotografierten Brief mit den Fingern auf dem Tablet bewegte und gab keinen Kommentar ab. Die junge Frau würde ihn nicht verstehen.

Genauso interessant wie die Erkenntnisse über Hanna fand der Hauptkommissar aber das, was Nadine über Resi Rosenbauer zu berichten hatte. Noch einen Tag, bevor sie quasi vom Hof gejagt wurde, hatte sie sich in dem Glauben gewähnt, bald Frau Hanfkötter zu sein - endete die Sendung „Landwirt sucht Liebling“ doch im Erfolgsfall stets mit einer Live-Trauung. Diese Trauung wär bereits am Sonntag gewesen, dem Tag, an dem Hagen umgebracht worden war. Und wie man die Waffe bediente, mit der Hagen umgebracht worden war, wusste sie auch.

Ob Resi Rosenbauer auch beim landwirtschaftlichen Essen des Sparclubs sein würde? Seit Hagen Hanfkötter tot war, tauchten Werner Wieczokeit und sein Team an allen möglichen und unmöglichen Stellen mit der Fränkin und ihrer Tochter auf, um sie als trauernde „Fast-Witwe“ zu inszenieren.

Im Übrigen: der Wieczokeit! Es galt, herauszufinden, was Hagen über ihn gewusst haben könnte. 
Doch auch da war Nadine Neumann bereits einen Schritt weiter: „Chef, der Wieczokeit hätte nicht nur den Job verloren, wenn er mit einer Kandidatin angebändelt hätte, sondern auch noch Konventionalstrafe zahlen müssen. Steht so auf der Seite von „Landwirt sucht Liebling“.

Sönke Sievers stutzte: „Wieczokeit und die Resi? Das kann ich irgendwie nicht glauben.“ 
Nadine Neumann winkte ab. „Quatsch, mit dieser anderen Kandidatin, der Schnepfe mit dem Golfhotel. Gucken Sie denn die Serie gar nicht?“

Nein, Sönke Sievers hatte darauf verzichtet, die Folgen von „Landwirt sucht Liebling“ in der Mediathek im Internet anzuschauen. Aber Werner Wieczokeit sah er nur zu gern als Verdächtigen.
Damit sei es allerdings vorbei, berichtete Nadine Neumann.
„Seit heute steht ein Text online, in dem der Sender bekanntgibt, dass Wieczokeit und diese Annabelle zusammen sind und dass der Sender immer informiert war.“

Nadine Neumann hielt Sönke Sievers ihr Tablet unter die Nase: „Zu keiner Zeit war Herr Wieczokeit durch die ablehnende Haltung unseres Senders gegenüber Beziehungen zwischen Kandidatin und Moderator erpressbar. Es war seitens des Senders stets geplant, die Beziehung zwischen Frau von Ahrensberg und Herrn Wieczokeit sofort nach dem Ende der Staffel bekanntzumachen.“

Sönke Sievers konnte nur den Kopf schütteln. Das war also Werner Wieczokeits großes Geheimnis. Dann musste er ihn wohl von der Liste der Verdächtigen streichen.
Nadine Neumann jedoch echauffierte sich richtig über den Fall Wieczokeit und die geheime Liebschaft.
„Aber das muss uns doch jetzt nicht mehr interessieren“, beruhigte der Hauptkommissar die Kollegin.
„Mich muss es weiter interessieren. Er hat Susi das Herz gebrochen“, stieß Nadine Neumann empört aus.

„Susi?“, fragte er. „Doch nicht etwa Ihre Freundin Susi Schmitz?“
„Ja, Susi Schmitz. Sie wollte doch so gern zum Fernsehen. Und er hat ihr Hoffnungen gemacht..“

„Werner Wieczokeit als neuer Money-Daddy von Frau Schmitz? Ich fasse es nicht.“ Von allen Nachrichten des Morgens fand Sönke Sievers diese am verblüffendsten.

„Ja, Susi hat ihn geliebt. Er war jetzt schließlich beim Fernsehen und prominent und Susi hoffte, dass sie in der nächsten Staffel seine Assistentin....“

„Ja, so definiert unsere Frau Schmitz Liebe“, unterbrach der Hauptkommissar Susis beste Freundin. Nadine Neumann schwieg beleidigt. „Sie verstehen Susi nicht“, entgegnete sie nach einiger Zeit. „Sie sehnt sich so sehr nach Geborgenheit, also auch nach finanzieller Geborgenheit.“

Hauptkommissar Sönke Sievers lachte herzlich. Er erlebte einen seltenen Moment, denn Heiterkeit kommt bei Mordermittlungen nicht häufig vor.

*****************

„Güllebruder Friedrich, wie schön Dich zu sehen.“ Herbert Hanfkötter  begrüßte jeden Gast des Vereinsessens persönlich.  
Und auch Werner Wieczokeit war vor Ort.
„Als seine Frau wollte sie diesen gesellschaftlichen Anlass besuchen. Doch jetzt kommt sie allein, nur begleitet von einer traurigen Ritchie“, schmalzte der nimmermüde Reporter in die Kamera, während die „traurige Ritchie“ die Augen verdrehte. 

Resi Rosenbauer wurde von vielen Gästen herzlich begürßt, denn tatsächlich hätte man die fröhliche Fränkin gern in die Engelbosteler Landwirtskreise aufgenommen. Es drohte, so fürchtete Hauptkommissar Sönke Sievers schon, eine harmonische Veranstaltung zu werden, die wenig neue Erkenntnisse bringen könnte.

Doch als sich alle Gäste gesetzt hatten und Herbert Hanfkötter die Veranstaltung weitschweifig mit lauter lobenden Worten über seinen Cousin eröffnet hatte, folgte die erste Überraschung.
„Nu sach an, Herbert, wieviel ist in der Kasse?“ rief ein „Güllebruder“.

Herbert Hanfkötter stockte peinlich berührt und setzte dann ein so ehrwürdiges Gesicht auf, dass er glatt hätte Pastor werden können. „Liebe Güllebrüder, ich muss Euch die traurige Nachricht unterbreiten, dass wir die Geldkassette des Sparclubs bisher nicht in Hagens Wohnung finden konnten. Wir haben überall gesucht, nicht wahr Hanna?“

Hanna Hanfkötter nickte betreten.
„Bitte akzeptiert im Sinne der Pietät, dass wir die angesparten Summen erst später auszahlen können.“

Es rumorte bei den Gästen nach dieser Mtiteilung. Doch niemand mochte laut etwas dagegen sagen. Die Unzufriedenheit der Mitglieder des Sparclubs hing unausgesprochen im Raum und Sönke Sievers fragte sich, ob denn wirklich niemand wusste, wo Hagen die Geldkassette versteckte. Herbert und Hanna waren sich einig in ihrer Botschaft - doch entsprach diese auch der Wahrheit? Oder war das Geld verschwunden und sie mochten es den Güllebrüdern nicht eingestehen?

Güllebruder Peter Petersen, der die Frage nach der Geldkassette gestellt hatte, ließ jedenfalls nicht locker und ging von Tisch zu Tisch, um seinen Unmut kundzutun. „Das lilane Ding kann man doch gar nicht übersehen“, murrte ein anderer Landwirt. „Außerdem hätten die uns das ja wohl vorher mal sagen können.“

Sönke Sievers beschloss, am folgenden Tag nachzuhaken. Irgendwas schien unlogisch an den Ausführungen Herbert Hanfkötters. Wollten seine Cousine und er vielleicht jemanden schützen?
Erwin Ehlers war als einer der ersten am Buffet - eingeladen von Herbert. Hanna Hanfkötter beäugte das kritisch. „Nicht, dass Du für den noch bezahlst“, blaffte sie ihren Cousin an.
Mit dem jungen Mann hatte Hauptkommissar Sievers noch viel zu wenig geredet und nahm sich vor, dies in den nächsten Tagen nachzuholen.

Während Sönke Sievers noch grübelte, hatte ein Vortrag begonnen, den die Anwesenden offenbar höchst interessant fanden. Es ging um ein neues Güllefass, für das Friedrich Frenzen ein Patent angemeldet hatte.
Sönke Sievers, den dies aus verständlichem Grund wenig interessierte, ließ den Blick in die Runde schweifen.

Er sah, dass Ritchie Rosenbauer nach dem Smartphone in ihrer Tasche wühlte. Ein großer rechteckiger Gegenstand fiel zu Boden, den Resi intuitiv aufhob. Nadine Neumann näherte sich dem Tisch, an dem Mutter und Tochter saßen und betrachtete den Gegenstand, der sich als DVD entpuppte. Man hörte leises Schimpfen von Resi. Nadine Neumann warf ihrem Chef vielsagende Blicke zu und tuschelte mit Ritchie, die nach kurzer Zeit verstockt die Arme verschränkte und in Schweigen verfiel. Teenager!

Sönke Sievers machte sich nicht viele Gedanken über das kurze Intermezzo. Er beobachtete jetzt Herbert Hanfkötter, der den Vortrag wohl ebenfalls nicht spannend fand. Griesgrämig schaute er auf seinen leeren Teller, während Friedrich Frenzen euphorisch referierte.

Alles horchte auf, als der Güllefassentwickler zum Ende seines Vortrages Hagen in memoriam hochleben ließ, denn dieser habe den entscheidenden Tipp für ein technisches Detail gegeben, das dem Güllefass zur Patentreife gerade noch gefehlt hätte.

„Hagen und Technik? Und wir erfahren erst nach seinem Tod, was unser Hagen für Talente hatte?“, rief ein Gast und fragte als nächstes: „Herbert, was macht Dein Fass? Bist Du auch schon soweit mit dem Patent?“

Sowohl dem Hauptkommissar wie auch seiner jungen Kollegin entging nicht, dass Herbert Hanfkötter recht blass um die Nase war, als er den Gästen erklärte, dass sich seine Entwicklung erst einmal erledigt habe, wegen der vielen Arbeit auf dem Hof, die es nun zu tun gab.
Hauptkommissar Sievers hatte das Gefühl, dass mehr hinter dieser einfachen Aussage stecken müsste.
Der technisch unbegabte Hagen gab dem Entwickler Frenzen einen entscheidenden Hinweis - und der technisch begabte Herbert stellte seine eigene Entwicklung ein?

Mit Herbert Hanfkötter musste er am nächsten Tag ebenfalls reden.
Während die anderen Gäste aßen, traf Sönke Sievers mit Nadine Neumann am Buffet zusammen und erkundigte sich, was der kleinen Ritchie denn da aus der Tasche gefallen wäre. Nadine Neumann musste lachen.
„Ein Actionfilm der schlimmsten Sorte, sicher ohne Jugendfreigabe, „Hitman - Jeder stirbt alleine“.
Sönke Sievers wunderte sich: „Wo hat die Kleine den denn her?“
„Sie behauptet, auf dem Bauernhof der Hanfkötters gäbe es jede Menge davon. Ich glaube übrigens, dass es eine Raubkopie ist. Ob Hagen so ein Zeug geguckt hat?“

Das konnte sich Sönke Sievers beim besten Willen nicht vorstellen. Jede Menge davon? Noch ein Rätsel, das in den nächsten Tagen geklärt werden musste.

„Vielleicht Erwin?“, fragte sich Nadine Neumann laut, „der kann gut mit der Kleinen. Ich hab neulich gesehen, wie sie sich lange an der Scheune unterhalten haben.“
Das konnte sich der Kommissar schon eher vorstellen, doch warum sollte Erwin Ehlers seine Actionfilmsammlung auf dem Hanfkötterschen Hof haben, wo er nicht wohnte?

Der Kommissar verließ das landwirtschaftliche Essen des Sparclubs mit gemischten Gefühlen. Keine einzige der offenen Fragen hatte sich geklärt, doch es waren mindestens drei neue Fragen dazugekommen. Konnte es sein, dass dieser Fall immer konfuser wurde?

Da war Sievers ja schon fast erleichtert, dass Werner Wieczokeit aus dem Kreis der Verdächtigen wohl ausschied. Die Geheimnisse rund um Hanna Hanfkötter, die am Abend frisch frisiert und ohne Kittelschürze erstaunlich verändert ausgesehen hatte, Herbert Hanfkötter, den Besitzlosen, Erwin Ehlers, den Vielleicht-Halbbruder seiner eigenen Freundin und Resi Rosenbauer, die Hagen „nicht mehr brauchte“ wurden jedenfalls nicht kleiner.

Und dann war da noch die vielleicht interessanteste Frage: Wo mochte sich die Geldkassette des Sparclubs jetzt befinden?