Kapitel 6:

Das war ganz klar Nadine Neumanns Tag. Der Chef war bis zum Nachmittag nicht da. Geburtstag. Den sollte er ganz in Ruhe feiern. Dadurch hatte sie freie Bahn, Vernehmungen durchzuführen.

Als erstes wollte sie sich auf den Weg machen, den Hof Hanfkötter auf Hinweise zu untersuchen.
Und sie hatte auch Resi Rosenbauer dorthin bestellt, denn die resolute Fränkin hatte, wenn sie die Täterin war, eine auffällige Spur hinterlassen.

Bei der Onlinerecherche hatte Nadine Neumann Montagabend Presseberichte über den Hegermarkt und die Tat studiert. Vor allem wollte sie herausfinden, ob ihr Name vielleicht erwähnt wurde.  

Doch dann fand sie einen Zeitungsbericht, mit Fotos, die früher am Tag aufgenommen worden sein mussten. Und Nadine Neumann staunte: Am früheren Nachmittag, als noch keiner ahnte, wie dieses Fest enden würde, hatte Resi Rosenbauer ein weisses Shirt und eine helle Jacke getragen. Am späteren Nachmittag, nach der Tat, war es eine dunkle Kombination. Ob da vielleicht Blutspritzer auf der weissen Bluse gewesen waren?

Die Schussentfernung ließ zwar die Vermutung zu, dass der Täter oder die Täterin keine Blutspritzer abbekommen haben könnte, doch vielleicht hatte sich Resi ihrem Opfer ja noch nach der Tat genähert und sich mit Blut besudelt? 

Gleich morgens hatte Nadine Neumann das Hotelzimmer von Resi Rosenbauer untersuchen und die weisse Bluse in die KTU bringen lassen. Die Fränkin, so schilderten die beiden Kollegen, die das Zimmer untersucht hatten, war ausfallend geworden und hatte sehr auf die Männer insgesamt geschimpft. Die Bluse war selbstverständlich schon gewaschen - Nadine hatte nichts anderes erwartet, aber was Resi vielleicht nicht wusste: Gegen die Rückstände von Blut war so mancher Waschgang zwecklos.

Nun war Nadine neugierig, was die Vernehmung am Nachmittag ergeben würde.

Auf dem Hof Hanfkötter sah sie sich erstmal in Ruhe um, bevor sie um 18 Uhr mit den Familienmitgliedern und Resi reden wollte. Ritchie war schon da und klönte am Eingang zum Stallgebäude mit Erwin. Er guckte genervt, während das Mädchen über beide Backen strahlte.

Die junge Polizistin fragte sich, was dieser Erwin eigentlich dauernd auf dem Hof machte.  Henriette war gar nicht zuhause. Hanna, die Schwiegermutter in spe, war, so hatte Nadine, gehört, komplett gegen die Beziehung: „Der passt einfach nicht auf'n Hof“ war Hannas unumstößliche Meinung.

Komischerweise hatte sich Antikapitalist Erwin, der eigentlich dauernd pleite war, wie er auch offen auf seiner Facebookseite zugab, gut mit Hagen verstanden und mit „Onkel Herbert“, der sich geduldig Erwins Theorien über den Niedergang des kapitalistischen Systems anhörte.

Erwin winkte zu Nadine Neumann herüber und rief: „Gibt es was Neues?“.
"Nichts, was ich Ihnen sagen dürfte", entgegnete sie und beobachtete, wie Erwin durch ein Tor in den Garten ging.

„Na Ritchie, was gab's denn Interessantes mit Erwin zu besprechen?“, wandte sie sich an Resis Tochter, die auf dem Hof herumsaß, als würde sie auf etwas warten.
„Nix, wir haben nur geklönt. Erwin ist klasse“, bekräftigte Ritchie.
Nadine hatte zwar das Gefühl, dass Ritchie irgendetwas verschwieg, wusste aber auch, dass sie in diesem Moment nicht mehr aus dem Mädchen herausholen konnte.
„Kommst Du mit rein?“, fragte sie.
 „Nee, ich geh mal ins Hotel zurück Fernsehen gucken. In dem Haus kriegste Depri. Alles voll alt und hässlich.“

Während die Zwölfjährige gutgelaunt aus der Hofeinfahrt ging, war Nadine noch neugieriger auf die Räume des Hofgebäudes geworden. Ein Haus, in dem man Depri bekam. Wie das wohl aussah!

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Wirklich nur Ommamöbel. Nadine konnte sich vorstellen, was Ritchie meinte, kaum hatte sie Hanfkötters gute Stube betreten. Tiptop sauber war es - nichts anderes hatte Nadine von der mürrischen Hanna mit ihrem Kopftuch und ihrer Kittelschürze erwartet. Sie war allein im Zimmer und konnte sich in Ruhe umschauen. Hanna muckelte noch in der Küche herum und bis Resi eintraf würde es noch eine viertel Stunde dauern.

Nadines Blick fiel auf einen kleinen Stapel Unterlagen mitten auf dem Stubentisch. Was war das denn? Ein Foto von Hanna? Man hatte das Gefühl, dieses Bild stellte eine ganz andere Frau dar, doch es war eindeutig Hanna. 

Wenn man die nur etwas schminkte und ordentlich anzog - die könnte ja richtig etwas aus sich machen. Neugierig griff Nadine zu den Papierbögen, die unter dem Foto lagen:
Ein Brief von „Manfred“, der darin beschrieb, wie schön ein gemeinsames Leben sein könnte. Nadine fotografierte den Brief und machte auch einige Bilder von der guten Stube, als sie hörte, dass draussen Resi im Anmarsch war.

Hanna ging vor die Tür, um Resi zu begrüßen.
Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich. An Hannas Widerwillen war Hagens Beziehung zu Resi also nicht gescheitert. 

Doch plötzlich blieb Hannas Blick an einer Kette hängen, die Resi trug. "Wo hast Du die her? Die ist von Oma Hildegard!"
Resi griff zu der Kette und hielt den Anhänger fest in der Hand. Sie fing an zittern und die Stimme nahm einen aggressiven Ton an, als sie Hanna entgegenschleuderte: „Er hat sie mir geschenkt. Noch am Donnerstag, als er von Hochzeit geredet hat. Die geb ich nicht wieder her.“

Hanna legte Resi beschwichtigend die Hand auf die Schulter. „Is ja gut, behalt den alten Plunder“, sagte sie. „Ich versteh ja auch nicht, wieso er Dich Donnerstag noch heiraten wollte und am Freitag auf einmal wegschickt.“

Resi beruhigte sich nicht. „Hat er Dir denn nichts gesagt, gar nichts?“
Hanna überlegte einen Moment: „Du weisst ja, wir haben nie viel geredet zuhaus.“
Er habe so etwas gebrummelt wie „Ich brauch se nicht mehr“ und ansonsten war das Thema eben erledigt.

Nadine Neumann hatte nun genug gehört und verließ ihren Lauschposten. Mit Hannas Foto vom Stubentisch in der Hand kam sie aus dem Haus.
„Frau Hanfkötter, das ist aber mal ein hübsches Foto, so sollten Sie sich öfter zurechtmachen“, sagte sie, mit dem Foto wedelnd.
Hanna griff sofort danach und ließ das Bild in ihrer Schürzentasche verschwinden.
„Das ist Privatsache, das geht sie nichts an“, blaffte Hanna noch, als sich Nadine schon Resi zuwandte:
„Schöne Kette, Frau Rosenbauer!“
„Das ist... auch Privatsache und geht Sie schon gar nichts an“, zickte Rosi aufgebracht.

Nadine schmunzelte innerlich. Da hatte sie die beiden Frauen aber ganz schön aus der Reserve gelockt.
Am besten gleich weiter nachhaken.
Es gehörte zu Nadine Neumanns Stärken, Fragen so schnell hintereinander abzufeuern, dass den Befragten kaum eine Chance blieb, sich Ausreden einfallen zu lassen.

„Sagen Sie mal, Frau Hanfkötter, ich hab da vorhin den Erwin gesehen. Hilft der Ihnen jetzt auf dem Hof?“
„Der und helfen, ne.“
„Sie mögen ihn nicht, oder?“
„Nee, der passt nicht auf'n Hof. Der passt auch nicht zu meiner Tochter.“

Nadine legte nach: „Aber er ist doch ein entfernter Verwandter? Sie müssen doch auch seine Eltern kennen?“
„Verwandt oder nicht - der passt nicht zu uns. Henriette wird mit ihm schlussmachen. Und seine Eltern - lassen Sie diese Fragen. Die Mutter ist tot.“

Nadine sah so etwas wie Panik in Hannas sonst so gleichmütigem Gesicht.
„Und der Vater? Den mögen Sie auch nicht?“

Hanna stockte und fing an, nervös an ihrem Kopftuch zu zupfen. 
Nadine hatte noch eine Frage: „Wer ist eigentlich Henriettes Vater?“

Hanna atmete tief durch, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann sagte sie zögernd: „Das... hat hier nie einen interessiert. Und das wird auch in Zukunft so bleiben.“

Nadine war zufrieden mit dem, was sie erfahren hatte. „Nun ist Resi an der Reihe“, dachte sie und nahm die Fränkin in die Zange.

Drei Fragen hatte sie an die verschmähte Ehekandidatin, die sich noch in der Woche zuvor als künftige Frau Hanfkötter wähnen durfte und nun allein da stand.

„Frau Rosenbauer, mit welchem Gewehr sind Sie eigentlich losgegangen. als Sie Sonntagmorgen diese komische Fernsehszene mit den Salutschüssen gedreht haben? War es nicht das Gewehr aus der Hotel-Lobby?“

„Ja“, bestätigte Resi kleinlaut, „aber da konnte doch keiner ahnen, was passieren würde. Der Wirt hat es mir geliehen.“ Die Nachricht, dass Resi Rosenhuber am Sonntagmorgen mit der späteren Tatwaffe zu Fernsehaufnahmen gegangen war, hatten Nadines Kollegen am Morgen vom Gastwirt erfahren, als Resis Bluse für die KTU abgeholt wurde.

„Und die weisse Bluse haben Sie ausgezogen, weil Blut darauf war?“
„So ein Blödsinn! Bier war drauf. Das hat Hagens betrunkener Cousin verschüttet.“

„Frau Rosenbauer, waren Sie in Hagen Hanfkötter verliebt? Brach am Freitag tatsächlich eine Welt für sie zusammen, als er sie wegschickte?“
Resi schwieg, wie zuvor auch Hanna schon geschwiegen hatte bei Nadines bohrenden Fragen.

Beide Frauen starrten die lächelnde junge Polizisten an, bis Hannas Stimme sich erhob:
„Sie gehen jetzt. Hier gibt es nichts mehr für Sie zu tun.“

„Ob es hier noch etwas für mich zu tun gibt entscheide ich selbst“, sagte Nadine Neumann freundlich.
„Aber Sie haben Recht. Für heute habe ich hier wirklich genug erfahren.“

Beschwingt ging Nadine Neumann vom Hof zurück zu ihrem Wagen. Die beiden Frauen hatte sie ordentlich aufgescheucht. Wer war denn wirklich Henriettes Vater? Gab es da ein Familiengeheimnis zwischen den Hanfkötters und den Ehlers?
Wer war „Manfred“?
Und wieviel Hass keimte in Rosi, die am Donnerstag noch fast fast verlobt war - und am Freitag vom Hof gejagt wurde? Was bedeutete dieser komische Satz „Ich brauch se nicht mehr“, den Hagen angeblich als Begründung gesagt hatte?

Die Kommissarin freute sich darauf, dem Chef, der mittlerweile auf dem Hof eingetroffen war, von ihren Erkenntnissen des Tages zu berichten. Und sie war ziemlich sicher, der Lösung des Falls erheblich nähergekommen zu sein.