Kapitel 5: Montag, 22. September

Sönke Sievers grauste es wie immer vor der Pressekonferenz, die von den Reportern gefordert wurde. Der Presse war er nicht sonderlich wohlgesonnen. Doch auch in diesem Fall war das öffentliche Interesse groß, denn Hagen Hanfkötter war Mitglied im Rat der Stadt Langenhagen - unabhängig und störrisch. 

Den Morgen verbrachte der Hauptkommissar mit Vernehmungen der Angehörigen. Eine eigenartige Familie. Die Schwester mit ihrem Kopftuch und den Gummistiefeln, der ihr Äußeres so völlig egal zu sein schien und die auf Sievers Frage, ob sie ihren Bruder umgebracht habe erst nur stoisch antwortete: „So doll hat er dann doch nicht gestört.“

Der Cousin, der wortreich erläuterte, wie gern er Hagen auf dem Hof half und dass er sich, obwohl ihm nichts, aber auch gar nichts, auf dem Hof gehörte, mitverantwortlich für das große Ganze fühlte, weil  es in jeder Generation gelte, das Hofvermögen zu mehren. 

Und dann dieser Erwin Ehlers, der nicht nur Freund der Nichte war sondern auch selber mit den Hanfkötters verwandt. „Vierten und fünften Grades - einmal väterlicherseits, einmal mütterlicherseits“, wie Hanna Hanfkötter erläuterte. Nadine Neumann hatte ihrem Chef erklärt, dass Ehlers’ eigentümliche Bekleidung zur Gothik-Szene gehörte. Ein Begriff, den Sievers zum ersten Mal hörte.

Nadine Neumann hatte sich bereits auf einen Verdächtigen eingeschossen:
„Chef, ich glaub, ich hab’s. Das war der Herbert, der Cousin. Der konnte es einfach nicht mehr ertragen, dass ihm auf dem Hof nichts gehört. Meinen Sie nicht auch?“

Sönke Sievers meinte es nicht: „Sollte der Tote nicht ein anderslautendes Testament hinterlassen haben, würde der Mord seinem Cousin gar nichts bringen“, erläuterte er. „Erben wird nach der gesetzlichen Reihenfolge die Schwester.“

Hanna Hanfkötter war sicher, dass es kein Testament gab. Doch sie machte nicht den Eindruck einer strahlenden Erbin: „Was hab ich davon? Einen Esser weniger am Tisch - aber viel mehr Arbeit im Stall und auf den Feldern. Keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll.“

Und Erwin, der komische Vogel, hatte sowieso keine finanziellen Vorteile von Hagen Hanfkötters Tod, er hätte schon Hanna und Hagen umbringen müssen, damit seine Freundin Henriette in der Erbfolge ganz oben stünde. Es sah dem Hauptkommissar derzeit nicht nach einer Tat aus Habgier im Familienkreis aus.

Eher fand er schon die Ehekandidatin Resi auffällig. Zeugen hatten beim Hegermarkt beobachtet, wie sie sich immer wieder gegen Hagen Hanfkötter in Rage redete und ihn auch einmal wütend an seinem Stand damit konfrontierte, er habe sie nur ausgenutzt, in jeder Beziehung. So etwas würde sie nie wieder mit sich machen lassen.

Und dann hatte Nadine Neumann noch etwas Eigenartiges von Resis Tochter Ritchie erfahren. Zweimal bei den Dreharbeiten habe Hagen Hanfkötter den Moderator Werner Wieczokeit zur Seite genommen und darauf gedrungen, bestimmte Szenen nicht zu senden. Und beide Male hatte der Landwirt gedroht: „Oder willst Du wirklich rausfliegen beim Sender?“

Der Sache galt es, auf den Grund zu gehen. Und vielleicht hatte Nadine Neumann es durchaus richtig gemacht, sich in Ruhe mit der kleinen Ritchie zu unterhalten. Kinder beobachten viel und werden als Zeugen einer Szene oft nicht wahrgenommen. Wer weiss, was Ritchie noch beobachtet hatte?

Nachdem die Zeugenprotokolle geschrieben waren, machten sich Sievers und Neumann auf in den Rathaushof, wo die Presse schon wartete.   

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Da war er wieder, dieser Wieczokeit. Mitten unter den Presseleuten und immer bereit, dazwischenzureden.
Darum wollte Sönke Sievers auch als erstes eine Tatsache erläutern, die Wieczokeit nicht schmecken würde.

„Normalerweise gehört es zu Tötungsdelikten mit einer Schusswaffe, dass man umgehend beginnt, mögliche Verdächtige auf Schmauchspuren zu untersuchen. Doch damit brauchten wir gestern in Engelbostel gar nicht erst anzufangen“, erläuterte Sönke Sievers, „es wär sinnlos gewesen.“

Ein fragendes Raunen ging durch das Publikum der Pressekonferenz. Warum war es in diesem Fall sinnlos?
Sönke Sievers wandte sich direkt an Werner Wieczokeit.
„Unser Fernsehmoderator hier vorne hat ganz persönlich dafür gesorgt, dass alle, die uns zum jetzigen Zeitpunkt verdächtig erscheinen, Schmauchspuren an den Händen hatten.“

Alle Blicke dreht sich nun zu Werner Wieczokeit, dessen sonst so selbstbewusstes Grinsen kurz erlosch.
„Ist es nicht so, Herr Wieczokeit, dass sie am Morgen vor dem Hegermarkt alle Familienmitglieder Hanfkötter, die zur Jagd gehen und fast alle Engelbosteler Jäger versammelt haben, um eine Szene zu drehen, in der die versammelte Mannschaft Salutschüsse für Resi abgeben sollte? Quasi als Abschiedsgruß, weil sie und Frau Rosenbauer ja eigentlich heute abreisen wollten?

Werner Wieczokeit nickte betreten. „Und haben Sie nicht auch selbst einen Schuss abgegeben - genauso wie Frau Rosenbauer, die auf dem Hof Hanfkötter die Jagd schätzengelernt hat?“

„Ich habe... wir wollten... also es ist eine sehr ergreifende Szene geworden“, brabbelte der Fernsehmoderator 
nun und einige seiner Kollegen lachten.

Doch das Lachens stockte, als Nadine Neumann Werner Wieczokeit noch einmal direkt ansprach: „Was meinte Herr Hanfkötter wohl damit, dass Sie bestimmte Szenen nicht senden sollten, denn sonst würde er dafür sorgen, dass Sie Ihren Job verlieren?“

Nun horchten die Pressekollegen auf und einige fotografierten statt des Podiums Werner Wieczokeit, der nur entgegnen konnte: „Ich hab keine Ahnung, wovon Sie reden.“

Sönke Sievers fuhr, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, in seinen Erläuterungen fort. Er hatte Nadine Neumann darauf angesetzt, herauszufinden, was Hagen Hanfkötters kryptische Wort wohl bedeuten könnten. Und wenn Frau Neumann erst anfing zu recherchieren... 

So skeptisch der Hauptkommissar gegenüber der jungen Kollegin war, die den Fall am liebsten sofort als geklärt betrachten würde: Sie verbiss sich in ihre Befragungen wie ein Terrier und es war nicht auszuschließen, dass der Täter schon aus lauter Enternervung über sie gestehen würde.

Den Rest des aktuellen Ermittlungsstandes konnte Nadine Neumann schnell zusammenfassen. Hagen Hanfkötter war 17.15 erschossen worden, mit einem Jagdgewehr, das dem Inhaber der Gaststätte gehörte, auf dessen Hof der Hegermarkt stattfand.
Jeder, der den Gasthof kannte, hätte wissen können, dass dieses Jagdgewehr als Schmuckstück in der Hotellobby hing. Es war ein altes Gewehr, mit dem schon der Vater des Wirtes auf Jagd gegangen war.
Mögliche Fingerabdrücke auf dem Jagdgewehr waren abgewischt worden - nach den Faserrückstünden mit einem handelsüblichen Papiertaschentuch.

Alle Hanfkötterschen Familienmitglieder verkehrten oft im Gasthof, das Fernsehteam von Landwirt sucht Liebling hatte dort gedreht, Resi war zwei Tage vor der Tat dort einquartiert worden. Und bisher war ja noch nicht einmal klar, ob der Täter oder die Täterin zu diesem Personenkreis gehörten.

Hagen Hanfkötter hatte viele Privatfehden geführt. Mit Ratskollegen. Mit anderen Landwirten, die Sorge hatten, dass die von Hanfkötter reichlich verspritzten Pestizide und Fungizide auch ihre biologisch bebauten Ländereien verseuchen könnten. Und sogar mit Mitgliedern seiner Güllegemeinschaft, die er 1999 gegründet hatte. Die Ermittlungen hatten tatsächlich gerade erst begonnen.



Reporter Karlo Krabbe wird die KriminaLa-Polizei bei der Pressekonferenz nerven.