10. Kapitel: Sonnabend, 14. September 

Sönke Sievers erwachte im sicheren Gefühl, an diesem Tag eine Verhaftung durchführen zu können. Endlich waren die zähen Tage vorbei, an denen dauernd irgendwelche Lokalpolitiker anriefen und Fragen stellten nach dem Fortgang der Ermittlungen. 

Fast eine Woche lang war auch der Bürgermeister in Sorge gewesen, dass vielleicht der Badneubau etwas mit dem Fall zu tun haben könnte.

Noch wusste er nicht, dass seine Sorge in gewisser Weise berechtigt war. Die Polizei hatte Ermittlungen gegen die BauFlott KG wegen Schwarzarbeit eingeleitet. Vielleicht würde sich der Bau des Bades dadurch verzögern. Mit der Firma von Bodo Baumgarte konnte die Stadt dann nicht mehr zusammenarbeiten. Doch auf ein Jahr mehr oder weniger kam es nun auch nicht mehr an - Hauptsache, Langenhagen würde überhaupt ein neues Schwimmbad bekommen - wenn auch erst 2015.

Der Kommissar dachte noch einmal über die Vernehmung des geknickten und rundum verstörten Architekten nach, der am Abend zuvor seine kriminelle Vergangenheit eingestehen musste. 1978 hatten Bodo, er und ein weiterer Freund einige Wochen lang die Stadt unsicher gemacht und waren in die Wohnungen älterer Leute eingebrochen. Sie hatten es auf Fernseher und Stereoanlagen abgesehen.

Wolfgang Wischnewski hatte sich stolz mit dem Diebesgut ablichten lassen, von Bodo, seinem besten Freund. Die beiden waren zur Einbruchsserie sogar von der Polizei verhört worden, doch man konnte ihnen nichts nachweisen.

Wolfgang Wischnewski hatte sich wenige Monate später, als er im 2. Anlauf an der IGS das Abi geschaft hatte, aus Langenhagen verzogen. Und eigentlich wollte er, der keine Verwandten mehr in der Stadt hatte, auch nicht an seine Vergangenheit erinnert werden.

Doch waren die Taten mehr als 30 Jahre später auf ihn zurückgefallen. Bei einer Baumesse hatte vor zwei Jahren plötzlich Bodo vor ihm gestanden und ihn sofort erkannt.

Tilmann war entsetzt, wie hemdsärmelig sein alter Freund sich verhielt, der ihm dauernd auf die Schulter klopfte.

„Du bist Architekt, ich bin Bauunternehmer, lass uns zusammen was richtig Großes bauen!“, hatte Bodo fröhlich ausgerufen und dem Jugendfreund erneut die flache Hand auf die Schulter geklatscht.

Tilmann glaubte, das Ansinnen freundlich und stilvoll zurückgewiesen zu haben.

Doch Bodo Baumgarte ließ sich nicht so einfach abschütteln.

Wenige Tage später bekam Tilmann Thannheuser einen Anruf. Und nun wusste er: Die Spielregeln wurden nicht mehr von ihm gemacht. Bodo besaß noch immer das alte Foto. Und er wollte es nutzen.

Die Einbrüche waren verjährt. Doch wenn es herauskam, dass Tilmann Thannheuser ein gewöhnlicher Einbrecher aus der Kleinstadt war, dann konnte er seinen Nymbus als Stararchitekt getrost vergessen.

Thannheuser & Friends arbeiteten fortan eng zusammen mit der BauFlott KG...

„Ich habe mich daran gewöhnt, dass er mich immer mehr wie einen Lakaien behandelt hat“.

Thannheusers Lächeln war bitter, der Kommissar betrachtete ihn aufmerksam.

„Aber das wär kein Grund gewesen, ihn umzubringen.“

„Die Indizien sprechen gegen Sie, Herr Thannheuser, das können Sie sich denken.“

Sönke Sievers sagte dem Architekten zum Abschied, was er am Tag zuvor schon der Sekretärin gesagt hatte: „Halten Sie sich zu unserer Verfügung.“

Söhnke Sievers stellte fest, dass er die Badgegner vielleicht ernster hätte nehmen sollen. Sie hatten schon vor längerer Zeit einen alten Zeitungsartikel gefunden und Bodo auf ihrer Website eine kriminelle Vergangenheit nachgesagt.  

Dann machte sich der Kommissar daran, eine Verhaftung vorzubereiten. Er wollte einen Überraschungsmoment für sich nutzen, denn trotzdem ihm gestern klargeworden war, wie sich der Tatabend abgespielt haben musste, brauchte er ein Geständnis und er hoffte, dass ihm noch an diesem Nachmittag jemand in die Falle tappen würde.

Dass die Badgegner zu dieser Person schon Auffälliges im Internet gefunden hatten, bevor sich sein Verdacht erhärtete, ärgerte ihn. Diese Sache mit der Internetrecherche, beschloss der Kommissar, würde er jetzt doch ernsthafter betreiben.

Glücklicherweise waren endlich die Untersuchungsergebnisse für die Faserrückstände an der Tatwaffe gekommen. Ein Treffer! Der Mantel, der am Mittwoch im Gasthaus zur Post gehangen hatte, gehörte jener Person, die Bodo Baumgarte umgebracht hatte.

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Elisabeth Baumgarte war im CCL unterwegs um noch schnell Leckereien für ein schönes Abendessen einzukaufen. Sie hatte Geburtstag - und ihr Sohn sollte gegen 20 Uhr am Flughafen ankommen. Trotz des traurigen Grundes freute sie sich riesig, Bastian nach fast einem halben Jahr zum ersten Mal wiederzusehen.

Zu ihrer Überraschung stand auf einmal Kommissar Sönke Sievers vor ihr.

„Frau Baumgarte, was führt Sie hier her?“, fragte er sichtlich irritiert.

„Ich kaufe ein. Für ein kleines Festessen. In einer Stunde kommt mein Sohn aus Amerika an. Auch wenn er sich mit seinem Vater zerstritten hat: Zur Beerdigung möchte er hier sein.“

Der Kommissar verstand. In weiter Entfernung entdeckte er Susanne Schmitz, die erneut mit Einkaufstüten bepackt war. „5.000 Euro, nicht wahr, Frau Baumgarte?“, sagte er mit einem Seitenblick auf Betty.

Ihr verständnisloses Achselzucken war so spontan, dass der Kommissar merkte: Bodos Frau wusste wirklich nichts von seiner schwarzen Kasse.

„Vergessen Sie’s“, sagte er.

„Und Sie? Warum sind Sie hier? Wollten Sie mich sprechen?“

„Nein, Frau Baumgarte, mit Ihnen muss ich heute nicht mehr sprechen.“

Der Kommissar verabschiedete sich schnell und ging auf Susanne Scmitz zu.

„Na, Frau Schmitz - noch was übrig von den 5.000 Euro?“

„Herr Sievers, Sie hier? Verfolgen Sie mich?“

„Nein, Frau Schmitz. Wir begegnen uns rein zufällig. Einen schönen Tag noch!“

Susanne Schmitz näherte sich gutgelaunt dem Ausgang. Der Kommissar blickte ihr nach. Die 5.000 Euro würden bald alle sein. Oder hatte diese junge Dame noch mehr Geld aus der Firma veruntreut?

Es war nicht sein Problem, denn die Ermittlungen in der Schwarzgeldaffäre wurden von einer anderen Abteilung geführt. Die Kollegen würden Susanne Schmitz schon ordentlich in die Mangel nehmen.

Sievers Aufgabe an diesem Nachmittag war die Verhaftung in einem Mordfall. Und nach einem Blick auf in die weiten Gänge des CCL war ihm klar, dass nun der Moment gekommen war. Ein Kollege hatte ihn über seinen Kopfhörer davon informiert, dass die Zielperson jetzt geradewegs auf ihn zuging.

„Frau Thannheuser, Herr Thannheuser, guten Abend.“

Tanja und Tilmann Thannheuser kamen mit Koffern auf den Kommissar zu.

„Dr. Thannheuser. Soviel Zeit muss immer sein. Guten Abend Herr Kommissar.“

„Sie wollen verreisen, Frau Dr. Thannheuser?“

„Ich bin auf dem Weg zum Taxistand. ich fliege zurück nach Düsseldorf.“

„Das glaube ich nicht.“

Tanja Thannheuser sah kurz erschüttert aus, doch nach einem kurzen Moment schnappte sie: „Niemand hat mir gesagt, dass ich mich auch zur Verfügung halten soll. Tut mir leid, Herr Kommissar, ich habe Termine!“

Sönke Sievers lächelte.

„Ja, Sie sind bestens organisiert und haben auf alles eine Antwort.“

„Darum bin ich so erfolgreich.“

„Frau Thannheuser, Sie haben Ihrem Mann für Sonnabend zur Tatzeit ein Alibi gegeben, nicht wahr?“

„Selbstverständlich. Wir waren beide die ganze Zeit im Hotelzimmer.“

„Aber ihr Mann hat doch gesagt, dass er fest geschlafen hat.“

„Nun, dann ist es doch noch unwahrscheinlicher, dass er das Hotelzimmer verlassen hat, nicht wahr?“


„Ja, aber damit ist sein Alibi für Sie nichts mehr wert. Wie kann er bezeugen, dass Sie im Hotelzimmer waren, wenn er tief und fest geschlafen hat.“

„Herr Sievers - ich bitte Sie, machen Sie sich nicht lächerlich.“

„Nein, das tue ich gewiss nicht. Ihr Mann erinnerte sich eigentlich gar nicht mehr an sein letztes Telefonat mit Herrn Baumgarte, nicht wahr?“

„Ach, er war leicht angetrunken. Da vergisst er alles.“

Tilmann Thannheuser schaute betreten.

„Ich glaube eher, dass Sie diejenige waren, die mit Herrn Baumgarte telefoniert hat. Vom Handy ihres Mannes.“

„Ich?“

„Ja, Sie - oder war ihr beigefarbener Mantel tatsächlich ganz allein am Tatort und hat an der goldenen Maurerkelle berieben?“


„Oh Gott, Tanja? Du?“ Betty Baumgarte war mit ihren Einkaufstüten wieder näher gekommen.

„Halt die Klappe“, zischte Tanja Thannheuser, „mein Mann ist doch ein Jammerlappen. Er wäre diesem Proleten ewig ausgeliefert gewblieben. Wir wären hier nie wieder weggekommen!“

„Sie haben die Tat geplant?“, fragte der Kommissar nun.

„Ach was. Ich wollte ihm dieses lächerliche Foto abkaufen. Aber er wollte nicht. Da ist mir die Hand mit der Maurerkelle ausgerutscht.“

Tanja Thannheuser stand aufrecht und ungebrochen da. 

„Sie hätten an meiner Stelle nicht anders gehandelt“, sagte sie, dem Kommissar zugewandt. 

Sönke Sievers war sprachlos. 

Der Kommissar legte Tanja Thannheuser Handschellen an.

„Seien Sie doch vorsichtig. Der Mantel ist von Gucci.“

Während die Täterin abgeführt wurde, blieb Betty Baumgarte mit offenem Mund zurück.

Tilmann Thannheuser sank auf einem Koffer, den er für seine Frau getragen hatte, zusammen.

„Mit einer Mörderin verheiratet!“, murmelte er.

Und  nun konnte er sich selbst auch noch auf ein Verfahren gefasst machen - wegen der Schwarzgeldvorwürfe gegen die BauFlott KG. 

Die Sünden der Vergangenheit hatten das Ehepaar Thannheuser nach Langenhagen geführt. Doch es waren ganz klar die Taten der Gegenwart, für die sie sich nun verantworten mussten.