9. Kapitel: Freitag, 13. September 

Susanne Schmitz lächelte scheu, als Sönke Sievers das Büro der BauFlott KG betrat.

„Hallo Herr Sievers! Gibt es etwas Neues?“

Der Kommissar fiel auf die naive Masche der Sekretärin nicht mehr herein. Er hatte am Tag zuvor im Einkaufszentrum genug gehört, um die junge Dame gehörig zu schocken.

„Sind die 5.000 Euro schon alle?“

Susanne öffnete den Mund zu einer Antwort, blieb jedoch stumm.

„Und jetzt geben Sie mir dieses Foto.“

Noch immer kam kein Laut aus Susannes Kehle, doch ihre Augen verrieten, dass sie ganz genau wusste, worüber der Kommissar redete. Eindringlich sah er sie an.

„Ich hab das Foto nicht“, sagte sie schließlich leise. „Wenn der Thannheuser das behauptet, lügt er.“

Susanne Schmitz fühlte sich in die Enge getrieben und Sönke Sievers nutzte die Situation.

„Was hat es mit diesem Foto auf sich?“

„Wenn ich das so genau wüsste. Bodo hat es mir nur einmal gezeigt und gesagt, dass sei seine Eintrittskarte in die Welt der Schönen und Reichen.“ 

„Was genau war auf dem Foto zu sehen?“, hakte der Kommissar nach.

„Das wissen Sie nicht? Woher wissen Sie dann überhaupt...“

„Egal, was ist auf dem Bild?“

„Da ist der Thannheuser drauf, als junger Mann und rund um ihn rum Fernseher und Stereoanlagen.“

Sönke Sievers konnte sich keinen Reim darauf machen, wieso dieses Foto so wichtig für den Architekten war. Nur glaubte er mittlerweile nicht mehr, dass Tilmann Thannheuser aus purer Freundschaft den Entwurf für den Badneubau gemacht hatte. Der neue Name, das geheimnisvolle Foto: Konnte es sein, dass Bodo Baumgarte Druckmittel gegen seinen alten Freund in der Hand hatte?

Susanne Schmitz wusste darauf auch keine Antwort. Alles, was sie sagen konnte war, dass die Gespräche der beiden Männer nicht sehr freundschaftlich klangen. Und dass sie keine Ahnung habe, wo das Foto sei.

Die zitternden Finger ihrer linken Hand spielten nervös mit der schwarzen Diamant-Kette, hielten sich fast verkrampft daran fest.

Natürlich leugnete sie, 5.000 Euro aus dem Schreibtisch des Ermordeten entwendet zu haben - und Sie wehrte sich rundheraus gegen den Vorwurf, in der BauFlott KG seien Schwarzgelder geflossen.

Sönke Sievers erkannte, dass er mit der Sekretärin an diesem Morgen nicht weiterkam.

Es war der Architekt, den es zu beobachten galt.

„Halten Sie sich zu unserer Verfügung“, sagte er, bevor er sich verabschiedete.

„Soll das heissen... Sie haben doch nicht etwa mich in Verdacht?“ Susanne Schmitz blickte mit großen, trügerisch naiven Augen auf den Kommissar.

Diamanten kullerten auf den Fußboden, als die Kette unter dem Druck ihrer Finger riss.

Der Kommissar verabschiedete sich nur mit einem Nicken. 

Ereignisse mit Fernsehern und Stereoanlagen, die wohl in die Zeit zurückreichten, als Tilmann Thannheuser noch Wolfgang Wischnewski hieß: Auch dem musste er nun nachgehen. Und er wartete noch immer auf die Ergebnisse der Faseruntersuchung. War der beigefarbene Mantel, dem er am Mittwoch einige Fasern zum Abgleich entnommen hatte zum Todeszeitpunkt Bodo Baumgartes am Tatort gewesen?

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Nach den Geschehnissen im Einkaufszentrum am Vortag hatte der Kommissar eine Zivilstreife in der Nähe des Hotels postiert, in dem die Thannheusers wohnten. Er ärgerte sich, dass die feinen Herrschaften aus Düsseldorf gerade den Zollkrug als ihr Domizil gewählt hatten, ein historisches Domizil ohne Kameraüberwachung in der Lobby. 

Ob Tilmann oder Tanja Thannheuser am späten Sonnabend noch einmal ihre Zimmer verlassen hatten, war darum nicht nachvollziehbar.

Doch jetzt konnten sie das Haus nicht mehr verlassen, ohne dabei beobachtet zu werden.

Der Anruf kam am Nachmittag: Tilmann Thannheuser, seit der Mittagszeit zurück von der Schwimmbadbaustelle, verließ das Haus noch einmal. Er fuhr Richtung Kaltenweide.

Sönke Sievers machte sich auf den Weg, ihm zu folgen. 

Eine S-Bahn kam und Menschen strömten von der Haltestelle auf den Kaltenweider Platz, als Sönke Sievers dort ankam. Tilmann Thannheuser saß auf einer Bank und schien zu warten. Der Kommissar schlich sich am Geschäftshaus entlang, um eine bessere Position für die Überwachung zu finden. 

Von der S-Bahn-Station ging eine schlanke blonde Frau auf die Bank zu. Betty Baumgarte setzte sich neben den Architekten.

Der Kommissar entdeckte noch einen weiteren alten Bekannten: Werner Wieczokeit, dieser nervige Reporter, war offensichtlich Betty Baumgarte gefolgt und lief auf leisen Sohlen, übermotiviert und eifrig  von der anderen Seite heran.

Kurz trafen sich ihre Blicke, der Journalist hob den Daumen und zwinkerte ihm zu.

Als ob sie hier irgendetwas gemeinsam hätten!

Der Kerl konnte die Ermittlung doch nur verderben!

Sönke Sievers näherte sich der Bank so unauffällig wie möglich von der Seite.

„Wieso wolltest Du Dich hier mit mir treffen? Auf diesem lauten großen Platz?“ Tilmann Thannheuser sah Betty Baumgarte prüfend an.

„Zu meiner Sicherheit“, antwortete sie.

„Du denkst, dass ich es war?“

„Tilmann, Du wurdest von meinem Mann erpresst, Du willst nichts dringender als dieses blöde alte Bild.  

Ja, ich glaube, dass Du es warst.“

„Nein, ich war es nicht. Ich hatte ehrlich gesagt zuerst Dich in Verdacht.“

Betty Baumgarte und Tilmann Thannheuser blickten sich prüfend an.

„Doch jetzt glaube ich, dass es Bodos kleines Flittchen war.“

Betty Baumgarte zog einen Umschlag aus ihrer Tasche und reichte ihn Tilmann.

„Hier hast Du Dein Foto. Nur darum hast Du doch die Bauleitung übernommen. Du dachtest, Du findest irgendwo das Bild.“

Tilmann Thannheuser ließ den Umschlag schnell in seiner Jackentasche verschwinden.

„Danke. Und es gibt wirklich keine Kopien? Du meinst nicht, dass die Schmitz welche gemacht hat?“

„Nein, das glaube ich nicht. Die wollte Dich nur in der Hand haben und vielleicht Geld aus Deiner Angst schlagen. Ich will das alles nicht. Ich will alles hinter mir lassen.“

Tilmann Thannheuser wirkte erleichtert und atmete tief durch.

„Betty, glaub mir, ich war es wirklich nicht. Ich war Sonnabend nur noch müde und hab mich schon vor zehn hingelegt. Der Sekt beim 1. Spatenstich hat mich runtergerissen. Ich kann absolut keinen Alkohol vertragen. Ich weiss noch nicht einmal mehr, dass ich an dem Abend mit Bodo telefoniert haben soll, so fertig war ich.“

„Wie schön, dass Du Deine Frau dabei hattest und ihr Euch gegenseitig Alibis geben konntet. Ich bin nicht in einer so komfortablen Situation.“

Tilmann Thannheuser nickte: „Tanja weiss immer sofort, was zu tun ist. Sie wusste ja auch sofort, was sie dem Kommissar zu diesem angeblichen Telefonat sagen sollte. Einfach zu sagen, ich hätte gar nicht mehr mit Bodo geredet am Abend - das hätte mich doch erst recht verdächtig gemacht, wo doch klar war, dass der Anruf von meinem Handy kam.“

Ich weiss nicht, was ich Dir glauben soll“, unterbrach ihn Betty. „Doch es ist auch egal. Er ist tot. Mein Leben geht weiter. Wann reist Ihr ab, nun wo Du nicht mehr hierbleiben musst?“ 

Tilmann Thannheuser sah Bodos Witwe bedauernd an: „Noch an diesem Wochenende. Es tut mir leid.“

Sönke Sievers hatte dem leisen Gespräch angestrengt gelauscht und war genervt, als der Reporter sich einmischte.

„Wer von den beiden war’s denn?“, raunte Werner Wieczokeit. „Ich tippe auf die Witwe.“

Der Kommissar sah, dass Tilmann Thannheuser und Betty Baumgarte aufgestanden waren, um sich zu verabschieden. Schnell ging er auf die Bank zu, den Reporter im Schlepptau.

„Herr Thannheuser, einen Moment!“, rief Sönke Sievers, während der Reporter die Kamera zückte.

Das entsetzte Gesicht des Architekten, Betty Baumgarte, die plötzlich wieder auf die Bank zurücksank.

Das waren Fotos, die sich verkaufen ließen.

„Geben Sie mir den Umschlag aus Ihrer Tasche.“

Tilmann Thannheuser senkte resigniert die Schultern, atmete tief durch und reichte dem Kommissar zögernd das Kuvert. „Ich kann das erklären.“

„Ja, auf dem Kommissariat.“ Sönke Sievers winkte den Kollegen der Zivilstreife zu sich. Gesenkten Hauptes ging Tilmann Thannheuser langsam vom Platz.

„Und was ist in dem Umschlag? Hey, Herr Sievers? Was ist da drin?“

Werner Wieczokeit ließ sich nicht so schnell abschütteln. 

Sönke Sievers entfernte sich, doch Betty Baumgarte stand noch wie erstarrt neben der Bank.

„Frau Baumgarte, sagen Sie es mir? Was ist da drin? Geld?“

Betty Baumgarte schaute über den Platz auf die Menschen, die tuschelten und sie beobachteten.

„Ein Foto von 1980 oder so. Von einem Einbrecher mit seiner Beute.“

Betty Baumgarte lachte auf und blickte provozierend in die Runde. „Reicht das? Sind Sie jetzt zufrieden?“, rief sie, während der Reporter ein Bild nach dem anderen von der aufgebrachten Witwe machte.

Schließlich hielt sie sich den Arm vor das Gesicht und eilte zu den Parkplätzen der S-Bahn-Station.

Werner Wieczokeit blieb lächelnd auf dem Platz zurück. „Es ist nicht viel - aber das hab ich jetzt exclusiv!“, sagte er, während er selbstgefällig immer mehr Worte in seinen Block kritzelte.

Sönke Sievers beobachtete das Geschehen von Weitem, den peinlich berührten Tilmann Thannheuser fest am Ellenbogen packend.

„Ein Einbrecher mit seiner Beute? Das, Herr Thannheuser werden Sie mir jetzt erklären.“

Der Kommissar war gespannt auf die Geschichte hinter dieser Fotografie. Doch seine Meinung, wer die Tat begangen hatte, stand auch ohne diese Erkenntnisse nun bereits fest.