8. Kapitel: Donnerstag, 12. September 

Wolle Wischnewski. Sönke Sievers musste schmunzeln, als der Architekt am Morgen zur Vernehmung in die Polizeidienststelle kam.

„Wieso haben Sie denn gestern überhaupt geleugnet, als Sie jemand erkannt hat?“

Mit geschwurbelten Worten erläuterte Tilmann Thannheuser, dass er doch wirklich nicht mehr derselbe sei, der damals aus der Enge der Arbeitersiedlung nach Düsseldorf gezogen sei. Und das Image sei doch wichtig in seinem Beruf.

Doch er hatte sich auch in Widersprüche verheddert.

„Wenn es Ihnen so wichtig war, die Vergangenheit hinter sich zu lassen - wieso haben Sie dann riskiert, in die alte Heimat zurückzukehren, um hier ein Bad zu bauen?“

Thannheusers hübsche Geschichte vom besten Schulfreund, dem er mit seiner Bewerbung aus alter Verbundenheit einen Gefallen erweisen wolle: So richtig passte sie nicht zur Fassade des Stararchitekten. Und ausserdem gab es da noch die nicht minder überraschende Geschichte, dass gerade dieses Bad eine hohe künstlerische Herausforderung für ihn als Architekten sei.

Sönke Sievers hatte im Gefühl, dass mehr hinter dem Namenswechsel steckte - und ausserdem war es Tilmann Thannheuser gewesen, mit dem Bodo Baumgarte sein letztes Handytelefonat geführt hatte.

Der Kommissar sah Erstaunen im Gesicht des Architekten, als er ihn mit dieser Tatsache konfrontierte.

„Am Abend des Mordes? Habe ich...? Nun, dann muss es wohl stimmen.“

Ein Alibi hatten sich Tilmann und Tanja Thannheuser gegenseitig gegeben, wie nicht anders zu erwarten. Und Tanja Thannheuser schien sich auch noch an das Telefonat ihres Mannes mit Bodo zu erinnern.

„Ihr habt doch noch kurz über die Gästeliste des Dinners geredet“, half sie ihm auf die Sprünge.

Tilmann Thannheusers Gesicht blieb starr.

Kommissar Sönke Sievers Neugier war geweckt.

Die ganze Zeit hatte er das Gefühl, der Architekt wolle ihm etwas sagen.  Doch das Gespräch endete, ohne dass neue Fakten auf den Tisch kamen. Der Kommissar ließ das Ehepaar gehen. Doch kurz nachdem die Thannheusers das Gebäude verlassen hatten, stand er kurzentschlossen auf und verließ das Kommissariat ebenfalls, um sich an ihre Fersen zu heften.

In sicherem Abstand folgte er Tilmann und Tanja Thannheuser, die den Weg zum nahen Einkaufszentrum CCL nahmen. Es konnte nicht schaden, das Verhalten des feinen Pärchens zu beobachten.

***************

Susanne Schmitz lächelte glücklich, als sie in Begleitung ihrer Freundin Nadine die Boutique im CCL verließ. Die Menge der Einkaufstüten, die sie bereits in beiden Händen trug, war imposant. Beim Versuch, Taschen von einer Schulter auf die andere zu verlagern, merkte die Sekretärin der BauFlott KG nicht, dass sie dabei war, frontal auf das Ehepaar Thannheuser zuzusteuern.

Kommissar Sievers beobachtete die Szene und verbarg sich hinter einer nahen Säule, als Tilmann Thannheuser sie ansprach.

„Schön, wenn man 5.000 Euro auf den Kopf hauen kann, nicht wahr?, sagte er ironisch.

Susanne Schmitz schaute erschreckt auf, direkt in die Augen des Architekten.

„Herr Thannheuser! Hallo!“

Einen kleinen Moment lang sahen sich der Architekt und die Sekretärin schweigend an.

Tanja Thannheuser unterbrach die Stille.

„Wusste Herr Baumgarte, dass Sie in die Kasse greifen?“

Sönke Sievers, dessen Anwesenheit bisher nicht bemerkt wurde, konnte kaum glauben, wie richtig er mit dem Gefühl gelegen hatte, die Thannheusers verfolgen zu müssen. Hatte die Sekretärin tatsächlich Geld veruntreut?

„Aber, ich weiss gar nicht...“ Susanne Schmitz schaute an Tilmann und Tanja Thannheuser vorbei, wollte zwischen den beiden hindurchgehen, doch das Architektenpaar ließ die Sekretärin nicht ausweichen.

„Sie wissen genau, wovon ich rede, Frau Schmitz. 5.000 Euro, in der linken Schublade von Bodos Schreibtisch. Am Montag war nur noch der leere Umschlag da.“ Tilmann Thannheuser hatte die Stimme gesenkt, sodass Sönke Sievers sich sehr anstrengen musste, um seine Worte zu verstehen.

Susanne Schmitz, die zuerst weiter mit gesenktem Blick an ihren Einkaufstüten genestelt hatte, richtete sich nun auf und schaute Tilmann Thannheuser trotzig an.

„Melden Sie das Schwarzgeld doch gestohlen. Sagen Sie der Polizei ruhig, dass es für die Überstunden gedacht war, die unter der Hand liefen.“

Nun war Tilmann Tahnnheuser sprachlos. Susanne Schmitz leugnete nicht einmal mehr, mit dem Bargeld der BauFlott KG auf Einkaufstour gegangen zu sein.

„Und da Sie ja von dem Schwarzgeld wissen, sind Sie auch mit dran.“, drohte die selbstbewusste junge Frau. Tilmann Thannheuser beugte sich  vor und raunte: „Ich wollte das nie. Aber Sie wissen doch, wie Bodo war...“

Susanne Schmitz lachte ihm in’s Gesicht: „Das beweisen Sie erstmal.“

Tanja Thannheuser konnte sichtlich nicht ertragen, dass ihr Mann so in die Enge getrieben wurde.

„Er wollte mit Ihnen Schluss machen - da haben Sie wohl zugeschlagen und nochmal abgesahnt, was?“,

konfrontierte sie die Sekretärin hämisch mit dem Tatvorwurf.

Doch die ließ sich nicht einschüchtern: „Verlassen? Nein, dazu war mein Money-Daddy viel zu scharf auf mich.“

Und Susanne Schmitz legte noch nach: „Was meinte Bodo eigentlich damit, wenn er sagte, Ihnen würde das Lachen noch vergehen, Herr Thannheuser?“

„Kleines Flittchen“, zischte Tanja Thannheuser wütend und erhob die Hand, als wollte sie der Sekretärin in’s Gesicht schlagen.

Ihr Mann hielt sie zurück und stellte sich zwischen die beiden Frauen.

„Nichts hat er damit gemeint. Wir hatten kleine Differenzen über den Baukörper“, versuchte er stockend zu erklären.

Susanne Schmitz hatte die Situation nun im Griff. Und sie hatte noch eine Trumpfkarte: „Waren Sie eigentlich mal Fernsehhändler?“, fragte sie den Architekten.

Sönke Sievers glaubte, sich von seiner Position hinter der Säule aus verhört zu haben. Doch dann sah er, dass Tilmann Thannheuser entsetzt zurückwich.

„Wo ist das Foto?“, fragte er. „Haben Sie das auch mitgenommen?“

„Was ist es Ihnen wert, dieses Foto zu bekommen?“ Susanne Schmitz Blick wurde spöttisch.

Der Kommissar konnte sich nun vorstellen, dass diese junge Frau bereits Vorstrafen wegen Betruges auf dem Kerbholz hatte. Doch um was für ein Foto ging es? Und wollte Susanne Schmitz den Architekten etwa erpressen?

Tilmann Thannheuser stand mit weit aufgerissenen Augen mitten im Einkaufszentrum und wirkte dabei fast hilflos. 

„Sie haben ihn erschlagen - aus purer Habgier“, presste er erschreckt aus seinen bleich gewordenen Lippen.

„Nein. Aber: Wir sprechen uns noch“, verabschiedete sich Susanne Schmitz, drehte sich um und ging schnellen Schrittes davon. Ein breites Grinsen lag dabei auf ihrem Gesicht.

Tilmann und Tanja Thannheuser blieben noch einen Moment tuschelnd an derselben Stelle stehen, bevor sie sich langsam in Bewegung setzten. Tanja Thannheuser blickte grimmig nach vorn, ihr Mann verstört nach unten.

„Wo ist eigentlich mein Büroschlüssel?“, fragte er seine Frau.

„Auf der Ablage im Flur“, antwortete Tanja Thannheuser.

Kommissar Sönke Sievers verfolgte das gesamte Gespräch mit großem Interesse und hatte, auf dem Weg zurück in das Kommissariat, eine Menge neuer Verdachtsmomente zu ordnen. Von fehlendem Bargeld hatte er heute zum ersten Mal gehört. Kein Wunder, denn ein Unternehmen, das Schwarzgeschäfte machte, wäre als Auftragnehmer der Stadt ganz schnell erledigt, wenn das bekannt würde.

Susanne Schmitz war jedenfalls nicht das liebe trauernde Mädchen, das sie bisher so überzeugt gespielt hatte. Ihren ach so geliebten Bodo mit dem Spitznamen „Money Daddy“ zu versehen - kein feiner Zug... Aber wenn man den Architekten mit einem Foto erpressen konnte: Was war auf diesem Foto zu sehen?

Sönke Sievers machte sich an diesem Abend mit vielen durcheinanderspringenden Gedanken auf den Weg nach Haus. Dort erwartete ihn zumindest ein warmes Abendessen, denn die neue Küche war an diesem Tag eingebaut worden.

Endlich war das Gerede um Arbeitsplatten und Dunstabzugshauben vorbei.  Und mit einer guten Mahlzeit im Bauch ließ sich auch viel besser ein klarer Gedanke fassen, wer denn nun am Tod Bodo Baumgartes schuld war.

Schlüssel zum Büro hatten Susi Schmitz, Betty und Bodo Baumgarte, Tilmann Thannheuser und Walter Winkelmann. Er war bereits aus dem Rennen, denn alle Skatfreunde hatten seine durchgehende Anwesenheit beim Skat Sonnabendnacht bestätigt. Fingerabdrücke auf der Tatwaffe konnten nicht identifiziert werden. Was war dieses ominöse Geheimnis, von dem Susi Schmitz im Internet sprach? Was hatte Tilmann Thannheuser zu verbergen? Wieviel Wut steckte hinter der unbewegten Fassade von Betty Baumgarte?

Es gab noch viele lose Fäden zu verbinden, bis der Fall gelöst war...