7. Kapitel: Mittwoch, 11. September 


Fingerabdrücke von insgesamt 14 verschiedenen Personen hatten die Kollegen der Spurensicherung im Büro der BauFlott KG finden können. Es war kein unbekannter Fingerabdruck dabei war. Die Mitarbeiter der BauFlott KG, die Ehefrau, die Thannheusers - sie alle hatten angegeben, das Büro besucht zu haben.  

Kommissar Sönke Sievers war davon nicht sonderlich überrascht - eine andere Neuigkeit hatte ihn mehr beschäftigt: Es gab keine Belohnung für die Ergreifung des Täters seitens der Familie Baumgarte. Betty hatte sich konsequent geäußert: „Das ist doch rausgeschmissenes Geld. Sie werden den Fall schon lösen.“
Die Witwe wusste ihr Vermögen zusammenzuhalten. Oder legte sie gar keinen Wert auf die Lösung des Falles?

In der Nacht war tatsächlich - entgegen den Erwartungen des Kommissars - die Mordwaffe entdeckt worden. Der Hund eines Spaziergängers hatte sie an einer entlegenen Stelle am Gleisdreick in Krähenwinkel ausgebuddelt und stolz seinem Herrchen präsentiert. Endlich gab es einen neuen Ansatzpunkt in den Ermittlungen, denn es fanden sich zwar keine verwendbaren Fingerabdrücke an der Waffe, doch in einem eingetrockneten Blutrest waren beigefarbene Fasern gefangen - Baumwollfasern, die zu einem Mantel oder einer Jacke gehören konnten. 

Noch wurden die Fasern untersucht.
Doch der Kommissar wusste bereits, bei welcher Gelegenheit er unauffällig nach dem dazu passenden Kleidungsstück schauen wollte. Am Abend sollte ein Dinner aus Anlass des 1. Spatenstiches für das Schwimmbad stattfinden.
Zunächst war er erstaunt, als der Bürgermeister mitteilte, das Dinner würde stattfinden. Doch das Menü war gebucht, die Gäste hatten zugesagt und ihren Beitrag bereits bezahlt. Überdies sollte nichts den Eindruck erwecken, die Bauarbeiten wären möglicherweise in’s Stocken gekommen. 
Sönke Sievers war sicher: Bei diesem Dinner würde sich auch der Mörder aufhalten.

Der Kommissar war kurz davor, sich auf die Ehefrau als Täterin einzuschießen, doch dann kamen ihm Zweifel, dass die Lösung des Falles so einfach war. Vor ihm lag eine Akte, die eine Polizeibeamtin über diejenigen Personen angelegt hatte, die bisher als verdächtig galten.

Die junge Kollegin hatte nicht nur das Vorstrafenregister bemüht, sondern auch im Internet nach Informationen über die beteiligten Personen gesucht. Sönke Sievers wusste, dass er sich eigentlich auch mehr mit dem Internet beschäftigen müsste. Aber war das Leben nicht schon anstrengend genug? Irgendwie hoffte er, dass die paar Jahre bis zur Pensionierung vergingen, ohne dass er mehr lernen müsste, als Mails zu beantworten und sich über wackelige Tatort-Videos auf YouTube zu ärgern.
Trotzdem erstaunlich, was Menschen heute so alles von sich preisgaben.

Elisabeth Baumgarte geb. Hausmann, Geburtsdatum: 14. 9. 1965,
keine Vorstrafen
Sie war in ihren Zwanzigern gleich nach der Wende aus Magdeburg nach Langenhagen gekommen, um in der Baufirma, in der Bodo als Maurergeselle arbeitete, eine Stelle als Sekretärin anzutreten.
Sönke Sievers konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Backstein-Bodo hatte es also schon immer mit den Sekretärinnen. 
Bald darauf hatte er seine Meisterprüfung absolviert und gemeinsam hatten die Baumgartes einen kleinen Maurerbetrieb eröffnet. Als der Betrieb größer und erfolgreicher wurde, hatte sich Betty aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen und verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen gewidmet. Elisabeth Baumgarte war in jedem Verein gern gesehenes Vorstandsmitglied, denn es war bekannt: Mit ihr kamen die Spendengelder des wachsenden Bauunternehmens.
Sie war Mitglied im Golfclub und organisierte Basare zugunsten von Tierschutzorganisationen. Ein makelloser Lebenslauf. Der einzige Sohn des Ehepaares Baumgarte, Bastian, hatte sich mit dem Vater entzweit und lebte nun in den USA, wo er bei einer großen deutschen Versicherung arbeitete - nach einem exzellenten Universitätsabschluss mit 22. Noch ein makelloser Lebenslauf.
Sönke Sievers konnte an der formidablen Elisabeth einfach keinen Haken finden - und genau das sorgte dafür, dass sie auf seiner Liste der Verdächtigen ganz oben stand.

Wolfgang Thannheuser, geb. Wischnewski, Geburtsdatum 28. 5. 1959, keine Vorstrafen
eingetragener Künstlername: Tilmann Thannheuser
Dr. Tanja Thannheuser, Geburtsdatum 14. 4. 1960, keine Vorstrafen
Sönke Sievers konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen - den edleren Nachnamen der Gattin annehmen und einen exaltierten Vornamen als Künstlernamen eintragen lassen: Das passte zum Architekten. 
Preise und Auszeichnungen, Lobgesänge auf sein herausragendes Talent - und natürlich auf seine Ehefrau: Tilmanns Vita wirkte, mit dem, was die Polizistin über ihn in Erfahrung gebracht hatte, als habe sein Leben überhaupt erst mit Tanja begonnen: Dr. Tanja Thannheuser, die Tochter eines Bundesrichters, war mütterlicherseits Erbin einer Schraubenfabrik, die sie vor einigen Jahren gewinnbringend an Investoren verkauft hatte. 
Kennengelernt hatten sich die Thannheusers in der Fabrik ihres Großvaters, wo Tilmann arbeitete, um sich das Studium zu finanzieren. So stand es im offiziellen Lebenslauf des Architekten, der auf der Website seines Unternehmens zu finden war. 
Dort wurde auch die Zusammenarbeit mit der BauFlott KG in der Planung des neuen Bades ausdrücklich gelobt. Das war  nahezu ein Ritterschlag für die BauFlott KG, denn soweit Sönke Sievers als alter Langenhagener wusste, war Backstein-Bodo zwar erfolgreich, doch gehörte sein Unternehmen nicht zu den überregionalen Playern der Baubranche. Trotzdem schien es, als wären die Baumgartes mit den Thannheusers befreundet. 

Vor gut zwei Monaten hatte Tilmann Thannheuser für die Zeit des Schwimmbadbaus in einem Hotel an der Walsroder Straße eingecheckt, seine Frau war sporadisch vor Ort und pendelte zwischen Düsseldorf und Langenhagen. Ein Umzug des kinderlosen Ehepaares schien keineswegs geplant, Tanja Thannheusers Kanzlei vertrat die Societygrößen am Niederrhein. 
Wieso hatte der Architekt überhaupt Interesse an einem Schwimmbad in Langenhagen? Seine Firma wies als Referenzen ein Eventcenter in Paris und ein Hotel im Wüstensand von Dubai auf. Noch eine Frage, die der Kommissar dem Architekten stellen wollte - was reizte ihn an diesem vergleichsweise kleinen Bauprojekt in der Provinz? Und wieso übernahm er nun auch noch kommissarisch die Führung der BauFlott KG, was ihn deutlich länger an Langenhagen binden würde als ursprünglich geplant?

Susanne Schmitz, Geburtsdatum 12. 12. 1989, Vorstrafen: 1 Verurteilung nach Jugendstrafrecht
Am ergiebigsten war zum Erstaunen des Kommissars das Datenblatt zu Susanne Schmitz, der Sekretärin. Die Kleine, die aussah, als könne sie kein Wässerchen trüben, war als einzige der Verdächtigen bereits straffällig geworden. Wegen Betrugs in drei Fällen hatte sie im zarten Alter von 17 Jahren eine Jugendstrafe  bekommen. Zusammen mit einem Freund hatte sie doch tatsächlich versucht, Senioren um ihr Erspartes zu bringen. Im Strafverfahren war man davon ausgegangen, dass Susanne Schmitz von ihrem deutlich älteren Freund zur Mithilfe angestiftet worden war. Darum hatte sie eine milde Strafe bekommen, während der Haupttäter für zwei Jahre einsitzen musste. Seither hatte sie sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen. 
Für den Kommissar war die nächste Information noch interessanter: Das zierliche Mädchen war Mitglied in einem Langenhagener Kampfsportverein und hatte bereits erfolgreich Karateprüfungen absolviert. Karate - Sönke Sievers sah dabei immer Kämpfer, die ein Holzbrett mit der bloßen Hand spalten konnten. Hatte Susanne Schmitz vielleicht diesmal einen Schädel mit einer Maurerkelle gespalten?

Kommissar Sönke Sievers würde seine Verdächtigen beim Dinner am Abend zumindest teilweise mit anderen Augen sehen. 

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Das überlebensgroße Porträtfoto von Bodo Baumgarte im Foyer des Restaurants ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass dieser Mann betrauert würde. Zumindest an diesem Abend. Von allen Anwesenden, egal, was sie wirklich über den Ermordeten dachten. 

Kommissar Sönke Sievers, der nicht zu den angemeldeten Gästen gehörte und darum auch keinen Platz an einem der festlich gedeckten Tische hatte, nahm am Tresen des Saales Platz und ließ seinen Blick über die Menge streifen.

Elisabeth Baumgarte stand an einem Tisch in der Mitte des Saales und nahm Beileidsbekundungen entgegen. Dem Blick des Kommissars begegnend, lächelte sie ihm leicht zu und erhob die Hand zu einem kurzen Gruß. Wieder konnte Sönke Sievers die aufrechte Haltung der Witwe nur bewundern. Ob sie wirklich trauerte, ob sie etwas verbarg - sie war einfach perfekt darin war, ihre Gefühle nicht zu zeigen und wirkte doch verletzlich genug, um sich das Mitgefühl der Gäste zu sichern. 

Tilmann Thannheuser hatte es übernommen, die Gäste bei ihrer Ankunft zu begrüßen und der Kommissar sah ihn mehrfach entspannt lächeln. Überhaupt strahlte der Architekt Zufriedenheit aus. Ein Mann, der gerade einen guten Geschäftspartner verloren hatte, sah anders aus.

Ganz hinten im Saal, an einem Tisch mit Bauarbeitern hockte wie ein Häuflein Elend Susanne Schmitz. Noch trauriger als sie schaute eigentlich nur Walter Winkelmann, der jetzt direkt auf den Kommissar zukam und sich zu ihm an den Tresen gesellte. 
„Wissen Sie schon was?“, fragte er und machte gleich klar: „Der Mann, der Bodo umgebracht hat, der darf nie wieder rauskommen. War es nicht doch einer von diesen bescheuerten Demonstranten?“

Sönke Sievers konnte den Polier nicht mit einem Fahndungsergebnis trösten, stellte jedoch eine Frage, die Winkelmann erschreckte: „Meinen Sie, dass der Mörder heute Abend hier ist?“

„Von denen hier - die kannten Bodo doch alle!“ Walter Winkelmann war erschüttert. „Das muss doch ein Unbekannter gewesen sein, jemand der Bodo nicht kannte. Ich meine, jeder, der Bodo kannte, mochte ihn...“

Sönke Sievers wollte gerade antworten, als er eine Frau beobachtete, die auf Tilmann Thannheuser zuging und ihm freudig die Arme entgegenstreckte.
„Wolle - Du bist es wirklich!“, rief sie. Der Architekt sah sie an, die Augen weit aufgerissen und wich einen Schritt zurück. 
„Mein Name ist Thannheuser, Tilmann Thannheuser“, sagte er. Dann sah er sich um, als ob er hoffte, niemand habe die Fremde gehört.
„Was soll das, Wolle, Dich erkenne ich sofort wieder. Mensch, Wolle Wischnewski aus der Liebigstraße. Dich hab ich seit der Schulzeit nicht mehr gesehen. Du bist doch mit meinem Bruder Andi in eine Klasse gegangen.“

Der Architekt, dessen Frau nun schnellen Schrittes auf ihn zuging, lächelte verkrampft, als er sagte: „Tut mir wirklich leid, Sie müssen mich verwechseln.“

Tanja Thannheuser drängte die unbekannte Frau schließlich konsequent ab und führte sie an ihren Tisch zurück, an dem Mitarbeiter am Bau beteiligter Firmen saßen.
Der Kommissar hatte die Szene zunächst amüsiert beobachtet, doch jetzt kam er in’s Grübeln. Beim Lesen des Dossiers über das Ehepaar Thannheuser war ihm der Namenswechsel des Architekten nicht verdächtig vorgekommen. Es war nicht mehr so selten, dass Männer bei der Eheschließung den Namen der Frau wählten.

Doch warum leugnete er jetzt? Und was hatte es damit auf sich, dass eine Langenhagenerin ihn wiedererkannte und mit einer Jugend in Wiesenau in Verbindung brachte? Von früheren Aufenthalten in Langenhagen war in Thannheusers Vita nichts verzeichnet. Ergaben sich hier Verdachtspunkte, die der Kommissar bisher überhaupt nicht auf der Liste hatte?

Als das Dinner begann und der Architekt seine Ansprache mit dem nötigen Beileidston gehalten hatte, bat der Kommissar kurz um das Mikrofon, denn er hatte eine Mitteilung zu machen, bei deren Verkündung er genau auf die Reaktion einiger Anwesender achten wollte.

„Guten Abend, ich bin Hauptkommissar Sönke Sievers und leite die Ermittlungen im Fall des ermordeten Bodo Baumgarte.“
Hatten sich bisher an einigen Tischen Menschen recht fröhlich unterhalten, andere getuschelt, die meisten jedoch gelangweilt vor sich hingeschaut, so war nun ein Raunen im Saal zu hören.
Die Aufmerksamkeit des Publikums war ihm sicher, als er sagte: „Es wird Sie interessieren, dass heute die Mordwaffe gefunden wurde. Die goldene Maurerkelle wird derzeit auf Fingerabdrücke untersucht und wir konnten bereits Faserrückstünde eines bisher unbekannten Kleidungsstückes entdecken.“

Eine kleine Kunstpause lang blickte der Kommissar durch den Saal, traf auf den wie immer undurchdringlichen Blick der Witwe. Er sah Tanja Thannheusers Mund erstaunt geöffnet, während sie sich ihrem Mann zuwandte und seine Hand ergriff. Er hörte ein leises Schluchzen und wandte sich nach rechts, wo er Susi Schmitz beobachten konnte, die nun völlig aufgeöst wirkte.

„Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und verspreche Ihnen, dass wir alles tun, um diesen schrecklichen Mord so  schnell wie möglich aufzuklären.“
Der Kommissar verabschiedete sich mit einem Nicken  in die Runde.
Auch wenn Walter Winkelmann es partout nicht glauben mochte: Sönke Sievers war sicher, dem Täter oder der Täterin heute Abend bereits in die Augen geschaut zu haben.

Von der Witwe zum Verbleib im Saal und zur Teilnahme am Essen aufgefordert, nutzte der Kommissar die Chance, die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Und zwischen den Gängen schlich er sich unauffällig zur Garderobe, wo nur ein beigefarbener Mantel hing, der auf die Beschreibung der Faserrückstände passte.