6. Kapitel: Dienstag, 10. September  

Am Dienstagmorgen konnte der Kommissar einen ersten Ermittlungserfolg präsentieren: „Wir kennen die Tatwaffe“. Einem Maurergesellen war am Montag im Büro etwas aufgefallen: Bodos goldene Maurerkelle fehlte. Zusammen mit der Sekretärin hatte Sönke Sievers die Räume abgesucht, die Kelle jedoch nirgends gefunden.

Eine Rücksprache mit der Rechtsmedizin bestätigte, dass die Form einer Maurerkelle genau zu jener Wunde führen konnte, an der Bodo Baumgarte gestorben war. Zudem fanden sich goldene Farbpartikel in der Wunde, die dem Pathologen bereits Rätsel aufgegeben hatten. 

„Wir suchen nun nach einer Maurerkelle diesen Typs“, informierte der Kommissar die Presse und hielt ein eilends im Baumarkt gekauftes Exemplar vor die Kameras der Fotografen. 

Jetzt würden sie in Büschen und Hecken rund um den Tatort wühlen und die Maurerkelle suchen - das ahnte er. Die Wahrscheinlichkeit, die Mordwaffe in der Nähe des Tatorts zu finden, war hingegen gering. Aber so hatten die vielen Möchtegern-Ermittler, die noch immer vor dem Büro von Baumgartes Firma rumlungerten oder gar aus Sensationslust mit dem Auto durch die kleine Sackgasse am Wohnhaus der Baumgartes fuhren, etwas zu tun.

Betty Baumgarte - mit ihr musste Sönke Sievers an diesem Tag noch einmal reden. Kollegen hatten am Vormittag sowohl die Unterlagen im BauFlott-Büro als auch den Schreibtisch Bodos zuhause nach Hinweisen durchsucht. Die Frage, ob der Mord in Zusammenhang mit einem Bauprojekt stehen könne, stand dabei besonders im Fokus. Bisher waren allerdings keine Auffälligkeiten zutage getreten.

Der Kommissar und sein Team standen unter hohem Erfolgsdruck - und waren doch bei der Tätersuche bisher kaum weitergekommen. Sönke Sievers erhoffte sich viel vom Gespräch mit Betty Baumgarte.

Er hatte sich auf Wunsch der Witwe in einem Restaurant am Marktplatz mit ihr verabredet. 

Dass neben ihr auf der Restaurant-Terrasse Dr. Tanja Thannheuser saß, erstaunte den Kommissar. 

Eine Zeit lang beobachtete er die beiden Frauen von Weitem.

Betty Baumgarte, in einem eleganten schwarzen Hosenanzug, hörte zu, während die Anwältin auf sie einredete. Warum hatte Betty diese Frau mit zum Treffen gebracht? 

Der Kommissar erfuhr es schon während der Begrüßung. Die Visitenkarte wies Tanja Thannheuser als Rechtsanwältin aus: „Meine Mandantin wird sich nur noch in meinem Beisein gegenüber der Polizei äußern.“

Elisabeth Baumgarte war das Vorpreschen Tanja Thannheusers sichtlich unangenehm.

„Ich glaube eigentlich gar nicht, dass ich für ein Gespräch mit Ihnen rechtlichen Beistand brauche...“

Tanja Thannheuser unterbrach die Witwe.

„Nach der Pressekonferenz von gestern glaube ich das doch. Herr Sievers, Sie haben unmissverständlich klargemacht, dass sie den Täter im nahen Umfeld suchen. Verdächtigen Sie Frau Baumgarte?“

So einen Gesprächsverlauf hatte Sönke Sievers nicht erwartet. Natürlich gehörte die Ehegattin zu den 

Verdächtigen. Das erklärte er auch den Frauen. Doch sei dies der normale Verlauf von Ermittlungen.

Elisabeth Baumgarte setzte zu einer Erwiderung an, doch ihre Anwältin war schneller. 

„Frau Baumgarte hat ihren Mann geliebt und ist in Trauer. Es gibt keinen Anlass zu der Vermutung, dass sie etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun haben könnte.“

„Ich möchte jetzt einige Fragen an Frau Baumgarte direkt stellen“, entgegnete der Kommissar sichtlich genervt, während Betty auf ihr Essen starrte und mit den Händen nervös die Serviette zusammenknüllte.

„Bitte. Es ist Ihnen jedoch klar, dass ich meiner Mandantin raten werde, manche Fragen nicht zu beantworten.“

„Tanja, nun lass doch mal. Herr Sievers will doch nur herausfinden, wer meinen Mann umgebracht hat. Und ich will es auch wissen. Ich möchte helfen, es herauszufinden.“ Elisabeth Baumgarte legte die zerknüllte Serviette beiseite und schaute den Kommissar an: „Fragen Sie mich, was Sie wollen.“

„Sie haben mir erzählt, dass Ihr Mann ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hatte...“

„Du hast was erzählt?“ Tanja Thannheuser unterbrach den Kommissar entsetzt. 

„Stimmt das denn überhaupt?“

„Ja, es stimmt“, fuhr Sönke Sievers fort. „Frau Schmitz hat es uns bestätigt und auch gesagt, dass Herr Baumgarte plante, sich von seiner Frau zu trennen. Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?“

Betty Baumgarte, die bisher unsicher gewirkt hatte, gewann bei dieser Frage ihre Haltung zurück. 

Offen schaute sie den Kommissar an, bevor sie mit einem leichten Lächeln antwortete.

„Er hätte sich nie getrennt. Die Hälfte der Firma gehört mir. Die Hälfte der Villa auch. Mein Mann war 

untreu, aber er war auch geldgierig.“

Sichtlich entspannter lehnte sich Betty Baumgarte in ihrem Stuhl zurück.

„Die kleine Susanne war nicht die erste Frau, die umsonst gewartet hat.“

„Wie lange betrügt Ihr Mann sie denn schon?“

Der überraschte Blick von Tanja Thannheuser zeigte dem Kommissar, dass sie wenig mit den Verhältnissen im Hause Baumgarte vertraut war. Sie schien sogar zu überrascht, um Einwände gegen seine Fragen zu erheben.

„Das geht schon ein Jahrzehnt lang so“, antwortete Betty Baumgarte, ohne mit der Wimper zu zucken. 

„Und Sie haben offen darüber geredet?“

„Aber nein, Bodo war überzeugt, seine kleinen Geheimnisse gut zu verstecken.“

„Hat Sie das nicht sehr gekränkt?“

„Vor zehn Jahren vielleicht. Aber, wissen Sie, man gewöhnt sich daran. Ich hatte mein Leben - er hatte seines. Und weil er so ehrgeizig war, hatten wir beide ein Leben, bei dem wir finanziell auf nichts verzichten mussten.“

Betty Baumgarte war zu jenem emotionslosen Gesichtsausdruck zurückgekehrt, den der Kommisar schon am Sonntag an ihr gesehen hatte. Dieser undurchdringliche Blick - höchstens ein wenig Resignation ausdrückend.

„Hatten Sie selber auch Verhältnisse zu anderen Männern?“

Tanja Thannheuser hatte sich von ihrem Kontrollverlust über den Gesprächsverlauf erholt und mischte sich erneut ein: „Diese Frage musst Du nicht beantworten!“

Dem Kommissar war klar, dass er mit der Anwältin an der Seite von Betty Baumgarte in diesem Punkt nicht weiterkommen würde. 

„Sind Sie Alleinerbin Ihres Mannes, gehörten Ihnen nun also die ganze Firma?“, fragte er stattdessen.

„Ich gehe davon aus. Ich habe Herrn Thannheuser beauftragt, zunächst die Geschäfte zu führen.“

Sönke Sievers schaute zur Uhr. Es war Zeit, zu gehen. 

„Mit ihrem Mann muss ich auch reden“, wandte er sich an Tanja Thannheuser und ergänzte, als diese zur Antwort ansetzte: „Ja, ich weiss, Sie werden dabei sein, Sie sind auch seine Anwältin, nicht wahr?“

„Selbstverständlich“, erwiderte sie säuerlich, während der Kommissar sich schon von seinem Platz erhob und zur Verabschiedung ansetzte.

Eine letzte Frage des Kommissars galt Betty - er erwartete keine Antwort darauf.

„Nun gehört Ihnen die ganze Villa, die ganze Firma - und ihr untreuer Ehemann kann Sie nicht mehr ärgern. 

Ist das nicht Motiv genug?“

Die Anwältin öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen und schloss ihn wieder. Betty Baumgarte zog indes nur eine Augenbraue hoch und schüttelte leicht den Kopf.

Sönke Sievers ärgerte sich. Diese Witwe war wirklich eine harte Nuss - nicht die Anwältin, die offensichtlich  keine Ahnung hatte, was bei Baumgartes im Hintergrund brodelte.

„Und seit wann führt Tilmann Deine Geschäfte?“, hörte er Tanja Thannheuser fragen, während er sich entfernte.

„Seit gestern, einer muss es ja tun. Hast Du Dir das nicht gedacht?“

Die Anwältin hakte nach: „Und es hat Dir wirklich nichts ausgemacht, dass Bodo Dich betrügt?“

Mit dieser Reaktion hatte Tanja Thannheuser nicht gerechnet: Ruckartig schmiss Betty die Serviette auf den Tisch. Ihr Blick wirkte auf einmal wütend.

„Das geht Dich nichts an. Hau am besten wieder ab nach Düsseldorf. Du bringst hier alles nur durcheinander.“

„Betty, ich wollte Dich doch nicht aufregen.“ 

„Tut mir leid. Ich hab einfach das Gefühl, wir kennen uns nicht genug, dass Dir solche Fragen zustehen.“

Betty Baumgarte fasste sich wieder. Der undurchdringliche Ausdruck kehrte in ihre Augen zurück.

„Ich meine es wirklich gut mit Dir“, murmelte Tanja und versuchte, Betty zur Verabschiedung in den Arm zu nehmen. Dass die Witwe dabei steif stehenblieb und Tanja nicht in die Augen schaute, konnte auch dem Kommissar nicht entgehen, der in einiger Entfernung stehengeblieben war. Es gab also auch unbeherrschte Momente, in denen die Fassade der Witwe bröckelte. Wieviel unterdrückte Wut steckte in dieser Frau?

Sönke Sievers beobachtete die beiden Frauen. Dabei fiel ihm ein, dass er an diesem Abend zuhause nicht mit einer warmen Mahlzeit rechnen konnte. Schließlich gab es im Hause Sievers derzeit keine funktionierende Küche.

Leise fluchend machte er kehrt, um sich wenigstens eine Pizza vom Stand am Marktplatz zu gönnen. Das Leben konnte ganz schön ungemütlich sein.