5. Kapitel: Montag, 9. September 

Wie ein Häufchen Elend saß die junge Sekretärin im Büro der BauFlott KG, als Kommissar Sönke Sievers am Montagmorgen dort eintraf. Es war eine unwirkliche Szenerie. Hier der Schreibtisch mit Susanne Schmitz, deren Telefon laufend klingelte, die jedoch den Hörer nicht abnahm. Daneben der Schreibtisch, auf dem noch gestern die Leiche ihres Chefs gelegen hatte. Überall sha man noch reste geronnen Blutes, denn niemand aus der BauFlott KG hatte den Mumm gehabt, den Tatort konsequent zu reinigen.

Der Kommissar hatte Mitleid mit der Sekretärin, doch er wollte sich auch nicht täuschen lassen. Was er seit gestern Abend über die Verhältnisse im Hause Baumgarte gehört hatte, ließ auch die  Sekretärin zur Verdächtigen werden.

*****

Sönke Sievers hatte gleich nach dem Verlassen des Tatortes Elisabeth Baumgarte aufgesucht. Die Witwe: war sie die beeindruckende gefasste Dame, die er vorfand? Oder war sie eine Mörderin, die nur schwer verbergen konnte, dass ihre Trauer nicht so groß war, wie man es hätte erwarten können?

Lächelnd hatte sie die Tür der großzügigen Villa am Ortsrand geöffnet - war es ein angestrengtes Lächeln? Der Moment, in dem die Gesichtszüge entgleisten, als der Kommissar ihr die traurige Nachricht überbrachte - hatte er da nicht eher Wut in ihren Augen gesehen als Trauer und Erschrecken?

Betty Baumgarte, da war Sönke Sievers sicher, wusste ihre Gefühle zu unterdrücken. Eine Frau, hinter deren Fassade man nicht so leicht blicken konnte. 

„Ihr Mann ist in der Nacht zum Sonntag nicht nach Hause gekommen. Hat Ihnen das keine Sorgen gemacht?“

„Er hat oft auf dem Sofa hinter dem Büro übernachtet“, sagte sie nur. „Besonders, seit das mit dem Schwimmbadbau richtig losging.“

Ob sie sich vorstellen könne, wer ihrem Mann schaden wolle?

Betty Baumgarte hatte ein kleines spitzes Lachen ausgestoßen: „Fast jeder, der näher mit ihm zu tun hatte.“ Und dann erzählte sie, leise, gefasst, wie aus dem netten Maurergesellen, den sie einst geheiratet hatte, der Überflieger geworden war, der auf dem wirtschaftlichen Weg nach oben bald schon keine Freunde mehr kannte. 

Und der - nach einer kleinen Gedankenpause sagte sie es ohne Regung im Gesicht - schon seit Jahren ein Verhältnisse mit anderen Frauen hatte.

„Fragen Sie Frau Schmitz, wie er den Abend verbracht hat. Oder fragen Sie besser gleich, ob Susanne vielleicht keine Lust mehr hatte, das heimliche Verhältnis zu sein.“

Zum ersten Mal schwang bei diesem Satz Bitterkeit in ihrer Stimme.

Ein Alibi hatte Betty Baumgarte nicht. Am Kamin, mit einem guten Buch, hatte sie sich von den Strapazen der vergangenen Tage erholt: „Dieses Schwimmbad hat uns allen den letzten Nerv geraubt. Er hat von nichts anderem mehr geredet.“

Tee hatte sie dem Kommissar angeboten. Als sie aus der Küche zurückkam, hatte es doch noch Tränen in ihren Augen gegeben. Elisabeth Baumgarte weinte nicht vor den Augen fremder Menschen.

Sönke Sievers spürte eine gewisse Bewunderung für die große schlanke Frau, die ihn sogar zur Tür brachte und dafür dankte, sie aufgesucht zu haben. Nein, sie bräuchte niemanden, um ihr zur Seite zu stehen: „Ich bin in schwierigen Situationen immer am besten allein klargekommen.“

Noch lange blieb er vor dem Haus stehen. In der einbrechenden Dunkelheit ging nacheinander in mehreren Zimmern das Licht an. Er sah Elisabeth Baumgarte durch die bis zum Boden reichenden Fenster von Raum zu Raum gehen. Er sah, wie sie zum Telefonhörer griff, zögerte, ihn wieder auflegte und auf einem Sessel im salongroßen Wintergarten schließlich schluchzend in sich zusammenfiel. 

Oft kam die Erkenntnis der Endgültigkeit des Todes den Angehörigen eines Mordopfers erst einige Zeit nach seinem Besuch. Sönke Sievers wusste das. Und es beruhigte ihn, dass die Witwe von Bodo Baumgarte so reagierte.

Doch eines ging ihm nicht aus dem Kopf: Warum hatte sie nicht gefragt, wie ihr Mann um’s Leben gekommen war? Stand sie unter Schock und konnte nicht fragen - oder wusste sie es ohnehin?

****

Am Morgen nach der Tat hatte der Kommissar zunächst noch einmal den Polier vernommen. Walter Winkelmann wirkte angegriffen und wusste vor allem nicht, wie es weitergehen sollte. Schon früh hatten die Bauarbeiter an der Theodor-Heuss-Straße gestanden, um mit den Erdarbeiten für das neue Schwimmbad zu beginnen. Walter Winkelmann wusste auch nicht, ob seine Männer nun einfach mit der Arbeit beginnen sollten, als wäre nichts geschehen. Das Auftauchen des Architekten, der sagte, er habe nun die Bauleitung übernommen, sorgte für Klarheit: „Dieses Schwimmbad wird gebaut - in Gedenken an unseren lieben Freund Bodo.“

Winkelmann war erleichtert und sagte dies auch dem Kommissar: 

„Der Herr Thannheuser, der ist Gold wert, wirklich.“

„War er ein Freund des Ermordeten?“

Der Polier wunderte sich über die Frage des Kommissars.

„Bodo hatte doch nur Freunde. Soviele Vereine wie er unterstützt hat. Ich kann nicht glauben, dass irgendjemand Bodo etwas antun wollte...“

Sönke Sievers kommentierte die Lobeshymnen des treuen Poliers nicht. Auch die Presse war heute morgen voll gewesen von betroffenen Stellungnahmen aus dem städtischen Leben. Bodo Baumgarte hatte in seine Popularität tatsächlich viel Geld investiert. Kein Fußballturnier, das er nicht gesponsert hatte, kein Kindergarten, der nicht kistenweise Spielzeug von der BauFlott KG bekommen hatte. Und gern hatte sich Bodo bei der Spendenübergabe ablichten lassen.

Bodo Baumgarte hatte mit Geld um sich geworfen, um Ansehen zu gewinnen - doch im krassen Gegensatz dazu stand die Aussage seiner Frau. „Fast jeder, der näher mit ihm zu tun hatte“ hätte ihm gerne an den Kragen gewollt. 

Walter Winkelmann gehörte wohl nicht zu diesem Personenkreis. Es schien, dass Backstein-Bodo, der „beliebte Baulöwe“, wie er jetzt in der Presse immer wieder genannt wurde, tatsächlich einen wahren Freund hatte. Ausserdem hatte der Polier ein Alibi: Seine ganze Skatrunde konnte seine dauernde Anwesenheit bis in die Nacht bestätigen.

Doch was half es, einen von vielen Verdächtigen als Täter auszuschließen? Sönke Sievers machte sich auf in das BauFlott-Büro zu Susanne Schmitz.

****

„Sie haben also einen Schlüssel zu diesem Gebäude?“

„Natürlich, ich bin doch morgens als Erste da. Der Chef braucht immer gleich frischen Kaffee. Also brauchte....“

Susanne Schmitz warf einen vorsichtigen Blick zum Schreibtisch neben ihrem Arbeitsplatz und wandte sich dann schnell wieder ab. Das Telefon klingelte erneut. Menschen schauten neugierig durch die Fensterscheiben. Es hatten sogar ein paar Leute Blumen vor die Tür gelegt.

„Alle wollen wissen, wie es nun mit dem Bad weitergeht. Heute morgen war schon ein Reporter hier, der wollte sogar in Aktenordner gucken.“

Die Sekretärin war eindeutig überfordert von der Situation und blieb doch an ihrem Arbeitsplatz.

„Der Bürgermeister hat auch schon angerufen und wollte wissen, wer jetzt die Verantwortung hat. Das weiss ich doch nicht!“

Susanne Schmitz fing an zu weinen und konnte nun, da der Damm gebrochen war, nicht wieder damit aufhören.

Sievers nutzte den Moment und fragte: „Sie haben ihn geliebt, nicht wahr?“

Aus tränenfeuchten Augen erntete Sönke Sievers einen entsetzten Blick:

„Wer hat das gesagt?“

Der Kommissar erfuhr nun, dass Susanne Schmitz immer sicher war, dass niemand von ihrem Verhältnis zum Chef gewusst hatte - und dass Bodo, nach Susannes Meinung, kurz davor war, sich von seiner Frau zu trennen. 

Sönke Sievers kannte diesen Traum von mehr als nur einem Fall, in dem Eifersucht tatsächlich das Mordmotiv war. Aber konnte diese naive junge Frau wirklich dazu in der Lage sein? 

Das Handy des Kommissars klingelte. 

Interessiert folgte er den Ausführungen und fragte Susanne dann: „Was lag in diesem leeren Regal?“

Die Sekretärin drehte sich um und wurde noch blasser als sie zuvor schon gewesen war. 

„Oh Gott, sie ist weg! Ist er etwa damit erschlagen worden?“

****

Die Pressekonferenz am Montagnachmittag war nach Rücksprache mit dem Bürgermeister in den Rathaushof verlegt worden. 

Nachdem die Polizei über den Sachstand informiert hatte, wollte der Bürgermeister eine Stellungnahme zum Fortgang der Bauarbeiten des Schwimmbades abgeben. 

Die bohrenden Fragen der Presse drehten sich zum größten Teil um die Frage, ob der Mord etwas mit dem „LaOla“ zu tun hatte - und ob etwa sogar Korruption im Spiel war. Die Rolle der Badgegner heizte die Phantasie der Reporter ebenfalls an. Sönke Sievers sah in den gierigen Blicken der Reporter die Hoffnung auf einen großen Fall, vielleicht sogar auf „rollende Köpfe“ in der Politik.

„Gibt es Ungereimtheiten bei der Auftragsvergabe für das Bad?“

„Stimmt es, dass sie in der Verwaltung nach dem Täter fahnden?“

„Ist tatsächlich einer der Bad-Demonstranten verhaftet worden?

Der Bürgermeister schaute bei diesen Fragen, als ob er den Reportern gern deutlich die Meinung gesagt hätte.

„Wir haben Grund zur Annahme, dass der Täter oder die Täterin aus dem nahen geschäftlichen oder privaten Umfeld des Opfers stammt“, enttäuschte der Kommissar die Presse. 

Doch was Anlass zu dieser Vermutung gab, ließ er im Unklaren. 

„War es die Frau? Der Baumgarte soll ja untreu gewesen sein?“

„Hatte er etwa Feinde in der eigenen Firma?“

Kaum eine jener Fragen, die auf den Kommissar einprasselten, konnte er zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen bereits beantworten. Auch über das Aussehen der Mordwaffe gab er noch keine Auskunft, obwohl der Kommissar eine Vermutung hatte, auf deren Bestätigung durch die Pathologie er derzeit wartete.

„Wir erhoffen uns, dass sich Zeugen melden, die in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag an der Walsroder Straße etwas beobachtet haben“, kam Sönke Sievers schließlich zum Kern dessen, was er selbst gern in der Zeitung lesen würde. 

„Der Täter oder die Täterin muss das BauFlott-Büro zwischen 23 Uhr am Sonnabend und 2 Uhr am Sonntag durch den Vordereingang verlassen haben. Zeugen, die zu diesem Zeitpunkt die Walsroder Straße entlanggefahren sind, werden gebeten, sich bei der Langenhagener Polizeidienststelle zu melden.“

„Gibt es eigentlich eine Belohnung?“

Kommissar Sievers stutzte einen Moment. Bisher hatte niemand eine Belohnung ausgelobt. 

„Hat die Familie denn wirklich noch keine Belohnung ausgesetzt?“

Der Kommissar hatte genug von den bohrenden Fragen und wollte nun lieber an den Bürgermeister übergeben.

Noch bevor dieser das Wort ergriffen hatte, verließ der Kommissar die Szenerie. Er wurde von seiner Frau im Küchenstudio erwartet, um die gestrige Auswahl der Arbeitsplatte abzusegnen. Als ob er nicht andere Probleme hatte. Aber Ärger zuhaus - das konnte er zusätzlich nicht auch noch gebrauchen...