4. Kapitel: Sonntag, 8. September, 18 Uhr

Walter Winkelmann ging gern sonntags in’s Büro, um die Arbeitspläne für die Woche vorzubereiten. 

Der Polier war stolz auf seine Arbeit. Und dieses Schwimmbad - das hatte es in sich. 

Da musste alles reibungslos laufen.

Sonntags, da konnte er auf den Parkplatz des Chefs fahren. Sonntags, allein im BauFlott-Büro, war er der Chef.

Ein Lied im Radio mitsummend, fuhr er die Walsroder Straße entlang auf den Firmensitz zu und stutzte: Da stand ja Bodos Wagen!

Weil an diesem Tag Verkaufsoffener Sonntag war, gab es auch vor den nächsten Gebäuden keinen Parkplatz und Bodo musste herumkurven, bis er seinen alten Mercedes in eine winzige Lücke manövrieren konnte.

Der Polier hatte den Wagen gebraucht vom Chef gekauft, als dieser sich einen schnittigen Sportwagen leistete. Aber zum Parken war der Bonzenwagen, wie seine Frau ihn nannte, unpraktisch.

Walter Winkelmann öffnete, noch immer den Ohrwurm aus dem Radio summend, die Tür des BauFlott-Büros und erstarrte. 

Regungslos stand er da und konnte den Blick nicht vom Schreibtisch des Chefs wenden. Er sah eine Spur geronnenen Blutes, die am Schreibtisch entlanggelaufen war und auf dem Kunststoffboden eine Pfütze gebildet hatte, in der nun Winkelmanns rechter Fuß stand.

Er sah den Chef. Vornüber mit dem Kopf auf dem Schreibtisch liegend, die Arme seltsam verrenkt, eine Hand voller Blut, die ausgestreckt war, als wollte sie zum Telefon greifen und doch nur eine Schmierspur auf der Schreibtischplatte hinterlassen hatte.

Walter Winkelmann wollte um Hilfe rufen, doch kein Ton kam aus seiner Kehle.  Langsam ging er rückwärts auf die Tür zu, mit dem rechten Fuß klebrige Blutspuren bildend.

Schließlich kamen wieder Töne aus seiner Kehle. Er riss die Tür auf und rief sein Entsetzen auf die Straße hinaus, an der Passanten schockiert stehenblieben und ihn entgeistert anstarrten.

„Bodo ist tot!“, rief er. Und nach einem kleinen Moment: „Hilfe!“

Schon zückte ein Passant sein Handy und trat auf Walter Winkelmann zu.

„Soll ich die Polizei rufen?“

„Ja, da drin ist ein Mord passiert. Bodo. Baumgarte. Der Chef.“

Immer mehr Passanten kamen näher und traten wieder zurück, als sie sahen, dass der aufgeregte stämmige Mann Blutspuren auf dem Asphalt hinterließ.

Der Passant mit dem Handy reagierte abgeklärt und wählte den Notruf.

Walter Winkelmann hingegen starrte mit wirrem Blick auf die neugierigen Einkäufer, die sich nun in sicherer Entfernung sammelten, ging zitternd zurück in das Büro und schloss von innen ab. Da stand er, mit dem Blick auf den toten Chef gerichtet, mit den Schuhen in der Blutlache und konnte nichts tun, ausser, auf die Polizei zu warten.

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Hauptkommissar Sönke Sievers studierte gerade desinteressiert die Oberflächen von Arbeitsplatten für eine neue Küche, als er den Tumult auf dem Theissenplatz hörte. Nur mit Mühe hatte seine Frau ihn überreden können, am Verkaufsoffenen Sonntag endlich das M3-Küchenstudio an der Walsroder Straße aufzusuchen. Die Störung kam ihm nicht ungelegen.

„Hörst Du mir überhaupt zu? Sönke, wie findest Du dieses Anthrazit?“

Sievers hörte seiner Frau schon nicht mehr richtig zu, denn die Menschenansammlung vor dem Nachbargeschäft ließ ihn ahnen, dass etwas passiert war.

„Jetzt nicht“, wehrte er die Nachfrage seiner Frau ab und verließ dann das Geschäft. 

Gesprächsfetzen, die er in der Menschenmenge aufschnappte, sagten ihm schon, was passiert war. „Dieser Baufritze ist tot.“ „Was, der Baumgarte?“

Ein Tatort gleich nebenan - das war mal was Neues. Auf dem kurzen Weg zum Büro der BauFlott KG ging ihm durch den Kopf, dass er es hier mit einem politisch motivierten Fall zu tun bekommen könnte, wenn der Tote wirklich Bodo Baumgarte war. 

Es hatte in Langenhagen ganz schön rumort, als der einheimische Baulöwe, der seine Finger überall drin hatte, den Auftrag zum Bau des Schwimmbades bekam.

Ermittlungen in Politik und Verwaltung - Sönke Sievers seufzte. Diese Klientel war besonders sperrig zu vernehmen. Und die Medien neigten dazu, sich auf solche Fälle zu stürzen. 

Nein, der Kommissar freute sich nicht auf diese Ermittlungen.

Nur durch seine sehr energische Stimme konnte der Kommissar die Neugierigen überzeugen, ihn durchzulassen. Die Zahl der Schaulustigen steig an, während es sich auf dem Platz herumsprach, dass ein Toter gefunden worden war.

Das Büro der BauFlott KG lag ruhig da, die Tür geschlossen. 

Unter den Schaulustigen entdeckte der Kommissar auch den allgegenwärtigen Trupp von Baddemonstranten, deren Plakate nun auf dem Boden verteilt herumlagen, während sie aufgeregt diskutierten.

„Hier gibt es nichts zu sehen“, rief Sievers dem Menschenpulk zu. Schnell betrat der Kommissar das Gebäude und ließ die rumorenden Zaungäste hinter sich zurück.

Blutige Tritte auf dem Boden und angetrocknete Blutflecken. Über dem Schreibtisch zusammengesunken die Leiche des Baulöwen Bodo Baumgarte, dessen Kopf eine klaffende Wunde aufwies. Die Szenerie war für den erfahrenen Kommissar mit einem Blick zu erfassen. Direkt neben der Tür saß ein Mann, dessen Gesicht kreidebleich war.

„Ich bin der Polier, Walter Winkelmann. Ich habe Bodo so gefunden“, stotterte die zusammengesunkene Gestalt. „Und jetzt sind meine Schuhe blutig und ich mache den Boden ganz schmutzig“.

„Wär ja auch zu schön gewesen“, grummelte Sievers, „den Täterkreis gleich auf einen Mann mit Schuhgröße 46 oder größer beschränken zu können.“

„Haben Sie da drin irgendwas verändert, nachdem Sie den Toten gefunden haben?“ Walter Winkelmann starrte den Kommissar zunächst nur an, bevor er antworten konnte.

„Ich hab aufgeschlossen. Und dann lag Bodo da. Ich bin noch näher rangegangen. Aber er hat nicht geantwortet. Dann bin ich wieder raus.“

„Aufgeschlossen?“ Sönke Sievers ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Gibt es hier einen Hinterausgang?“

Walter Winkelmann schüttelte den Kopf. „Ja, da hinten“.

„Und wer hat dazu alles Schlüssel?“

„Nur ich und der Chef.“

Die Tür öffnete sich erneut, als das telefonisch informierte Team aus Polizisten, Gerichtsmediziner und Spurensicherung eintraf. „Kommen Sie mit raus - hier wird es jetzt eng.“ Sönke Sievers forderte den immer noch verstörten Polier auf, mit ihm vor die Tür zu gehen, wo die Menschenmenge neugierig jede Regung verfolgte.

Mittlerweile war auch ein Reporter eingetroffen und aus der Menschenmenge ragten Arme mit erhobenen Handys. Er würde sich abends schon bei Youtube wiederfinden - in wackeligen ungeschnittenen Sequenzen. Kommissar Sönke Sievers war kein großer Freund des Internetzeitalters, in dem jeder dauernd zu allem seine Meinung veröffentlichen konnte. Das mochten krude Theorien werden, so kurz nach dem 1. Spatenstich für das Schwimmbad. Er stellte sich schützend vor den Polier, dessen Zittern und erschreckter Blick sicher ein beliebtes Motiv waren.

Leise setzte er die Vernehmung des Poliers ein wenig abseits der Menge fort. „Haben Sie im Büro die Schlüssel des Opfers gesehen?“

„Bodo hat seine Schlüssel doch immer in der Hosentasche.“

Sönke Sievers rief einen jungen Kollegen heran und beauftragte ihn, von der Spurensicherung in den Hosentaschen des toten Bauunternehmers nach Schlüsseln schauen zu lassen - und danach, ob der Hintereingang verschlossen war.

Walter Winkelmann, der langsam wieder etwas Farbe im Gesicht bekam, schien gerade zu begreifen, dass Bodos Tod nicht das Einzige war, worüber er jetzt nachdenken musste. Dieser Tag veränderte alles. Wie sollte es nun mit dem Schwimmbadbau weitergehen? Er nestelte in der Jackentasche nach seinem Handy. 

„Ich muss den Thannheuser anrufen, den Architekten“, sagte er unter den aufmerksamen Augen des 

Kommisssars. „Oh Gott - und Betty! Weiss Betty schon...?“

Sönke Sievers wurde in das Bauflott-Büro gerufen. Der Tote, so erfuhr er, sei vermutlich zwischen 23 Uhr am Sonnabend und 2 Uhr am Sonntag gestorben. Die Tatwaffe, ein Objekt mit langer, schmaler aber stumpfer Kante, sei am Tatort nicht aufzufinden. Und: Ja, da war ein Schlüsselbund in der Hosentasche des Opfers. Der Hintereingang war, wie die Vordertür, verschlossen.

Der Kommissar nickte zufrieden. Das engte den Täterkreis ein. Die verschlossene Tür war ein Fehler des Täters, denn dadurch kamen nur Personen in Frage, die einen Schlüssel zum Büro besaßen. 

Bodo Baumgarte hatte jedenfalls nicht mehr selber abgeschlossen.

Von draussen klopfte ein aufdringlicher Reporter an das Schaufenster des Büros und schwenkte seine 

Kamera. Sievers raffte sich auf. Zeit, der hungrigen Meute ein paar Brocken hinzuwerfen.

Er ging zur Tür hinaus, wo die Kameras sogleich auf ihn gerichtet wurden.

„Ist der Tote Backstein-Bodo?“

„Wurde er erschossen?“

„Wissen Sie schon, wer es war?“

„Vermuten Sie den Täter in den Reihen der Bad-Gegner?“

Die Fragen schlugen dem Kommissar entgegen, während der Polier zusammengesunken an der Wand lehnte und weinend in sein Handy sprach. 

Sönke Sievers wandte sich den Reportern mit ihren Blöcken und vereinzelten Mikrofonen zu und überlegte kurz.

„Der Tote ist Bodo Baumgarte“, sagte er dann. „Nach den bisherigen Erkenntnissen ist Herr Baumgarte gestern Nacht zwischen 23 Uhr und 2 Uhr gestorben.“

„Wurde er wirklich erschossen?“, rief es wieder aus der Menge.

„Das Opfer wurde mit einem Gegenstand erschlagen, der eine lange schmale stumpfe Kante hat. Die Mordwaffe wurde bisher nicht gefunden.“ Sönke Sievers überlegte noch einmal und beschloss, zunächst nicht bekanntzugeben, dass die Tür des Büros von aussen verschlossen wurde - zwar nicht mit den Schlüsseln des Opfers. 

„Mehr können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.“

Auf der Straße hupte es und die Menge teilte sich, als ein Leichenwagen anrückte, der den Toten in das Institut für Rechtsmedizin bringen sollte.  Wieder hoben sich die Arme mit den Handys.

„Was kann denn das für eine Mordwaffe sein? Ein Brieföffner oder sowas?“, fragte der dreiste Reporter, der auch schon an die Fensterscheibe geklopft hatte.

„Wir wissen es nicht. Die Ermittlungen beginnen gerade“, kommentierte der Kommissar nur kurz, während ein Sarg in das Bauflott-Büro getragen wurde.

Sönke Sievers beobachtete aufmerksam das Häuflein von Demonstranten. Die Gegner des Badneubaus hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und diskutierten heftig. Badgegner als Täter - das wäre eine einfache Lösung, die jedoch kaum in Frage kam. Der harte Kern der Gruppe hatte die gestrige Nacht nach der Sitzblockade, die den 1. Spatenstich verhindern sollte, in Polizeigewahrsam verbracht.

Der Kommissar wandte sich nun wieder Walter Winkelmann zu, der murmelte: „Jemand muss es Betty sagen!“.

Sönke Sievers wusste, dass es seine Aufgabe sein würde. Er sagte es dem Polier, der erleichtert wirkte, die Witwe nicht selbst informieren zu müssen. Betty Baumgarte - die Frau des Ermordeten - sie hatte ganz sicher einen Schlüssel zum Büro. Ihre Reaktion auf die Todesnachricht war darum der nächste Schritt in den Ermittlungen.

Der Kommissar entfernte sich langsam vom Tatort, während die Menge plötzlich still wurde, als der Sarg wieder aus dem Büro getragen wurde. 

In Richtung seines Parkplatzes an der Elisabethkirche gehend, ging Sievers kurz durch den Kopf, ob seine Frau nun wohl eine Arbeitsplatte ausgewählt hatte. 

Dann machte er sich auf, der Witwe von Bodo Baumgarte zu begegnen - der trauernden Witwe?