1. Kapitel: Sonnabend, 7. September, 8 Uhr

Bodo Baumgarte grinste breit. 

Was für ein Tag.

Genau so hatte er sich sein Leben vorgestellt, als er vor vielen Jahren beschloss, aus der Wiesenauer Mietwohnung wegzukommen.

Seine Eltern meinten: Der Junge soll es einmal besser haben.

Darin waren sie sich einig - auch Bodo war sicher, dass er es besser haben wollte. 

Manchmal dachte er gleich morgens daran, war stolz auf sich und auf das, was er erreicht hatte.

Was für ein Tag!

Am Frühstückstisch mit Blick auf den Garten lächelte ihn Elisabeth an.

Am liebevoll gedeckten Frühstückstisch saß sie und aß ein Croissant.

Bodo griff im Stehen zu einer Tasse Kaffee, die sie für ihn vorbereitet hatte.

Bodo Baumgarte frühstückte nie im Sitzen. Keine Zeit verschwenden. Der frühe Vogel fängt den Wurm.

„Um 11 an der Baustelle, Betty“, sagte er zwischen zwei Schlucken.

Seine Frau nickte. Sie würde auch heute wieder elegant aussehen.

Eine Frau für einen, der es geschafft hatte.

„Und ich hab es geschafft“, ging es ihm durch den Kopf. 

„Mit heute hab ich es wirklich geschafft.“

Er schnappte sich seinen Aktenkoffer und verließ mit einem fröhlichen „Bis dann“ das Haus. 

Bettys Lächeln erstarb, kaum dass er sich umgedreht hatte.

Bodo sah es nicht. Es war nicht seine Art, zurückzuschauen.

Nach vorn, immer nur nach vorn.

Neben dem Büro wartete der reservierte Parkplatz. Die Sonne schien auf das Firmenschild, das Bodo einen Moment lang stolz betrachtete: Die Bauflott KG würde heute den größten Tag seit ihrer Gründung feiern können.

Und er hatte diese Firma aus dem Nichts aufgebaut.

„Moin Chef.“ Walter Winkelmann, der Polier, kam aus dem Büro. 

„Schöner Tag für'n ersten Spatenstich!“, kommentierte er. Bodo klopfte ihm auf die Schulter.

„Sei pünktlich. 11 Uhr!“, rief er und betrat das Büro. 

Susanne strahlte ihn an. Bodo schloss die Tür und zog die junge Sekretärin durch die Tür hinter sich in das Materiallager, wo keiner sie sehen konnte. Sie fühlte sich gut an, wie jeden Morgen. 

Und akzeptierte nun seit drei Jahren, dass die versprochene Trennung von Betty ein Lippenbekenntnis war.  

Susanne hatte es doch gut bei ihm. Die schönen Geschäftsreisen! 

Der viele Schmuck, immer dann, wenn er sie wieder vertröstete. Das war doch was!

Und auch zum Abschied würde sie was Schönes Glänzendes bekommen.

„Ich hab Dich lieb“, flüsterte sie in sein Ohr, während er ihre Bluse öffnete.


Bodo hörte nicht hin, denn in Gedanken ging er schon seine Ansprache durch.

Das LaOla-Bad, Prestigeobjekt für Langenhagen - und die Bauflott KG würde es bauen! 

Bodo löste sich aus Susannes Umarmung, als das Telefon klingelte. 

Noch halb entblößt beugte sie sich über den Schreibtisch.

„Bauflott KG Sekretariat Baumgarte, mein Name ist Susanne Schmitz. Was kann ich für Sie tun?“

Ihre Stimme klang etwas ausser Atem, doch der Anrufer merkte nichts davon.

„Herr Thannhäuser - ja, kleinen Moment.“

Sie reichte den Hörer an Bodo weiter, dessen breites Grinsen zum ersten Mal an diesem Morgen versiegte: „Tannheuser, dieser arrogante Wicht mit seiner akademischen Großstadtschnepfe“, dachte er.


„Tilmann, was gibt es denn noch?“, begrüßte Bodo den Architekten des geplanten Bades leicht genervt.

Susanne konnte nicht hören, was Tilmann Thannheuser sagte, doch Bodos Antwort sprach Bände. 

„Nein, darüber werden wir nicht noch einmal reden. Wir sehen uns um 11 und verdirb mir nicht den Tag.“ 

Er legte auf. Wenn Thannheuser noch etwas sagte, so hörte Bodo es nicht mehr. 

„Was ist denn los?“ Susanne hatte die Spannungen zwischen den beiden Männern, die doch eigentlich 

befreundet waren, schon am Tag zuvor wahrgenommen.


„Nichts Besonderes“, murmelte Bodo. Er stand am Fenster und bereitete sich darauf vor, in weniger als zwei Stunden an das Mikrophon zu schreiten. Niemand würde ihm an diesem Tag, vor den Augen der Presse, in die Quere kommen.

Ein Wellnessbad, auf das Langenhagen seit zehn Jahren gewartet hatte - und er würde es erschaffen. Das Grinsen schlich sich auf sein Gesicht zurück.

Bodo Baumgarte hatte in diesem Moment, an diesem sonnigen Sonnabendmorgen, noch 14 Stunden zu leben.